Verschwörungstheorien – Die verborgene Realität?

Der 21. Juli 1969: Neil Armstrong betritt die Mondoberfläche. Dieser kleine Schritt erweist sich in der Folge nicht nur als großer Sprung für die Menschheit, sondern als ein fruchtbarer Nährboden für alternative Erklärungsansätze dieses Ereignisses. Während 600 Millionen Fernsehzuschauer das Ereignis live verfolgten, formierte sich spätestens ab der Publikation des Buches „We never went to the moon“ im Jahr 1976 eine Gegenbewegung, welche das gesamte Apollo-Programm als Hoax der NASA diskreditierte.
Verschwörungstheorien gelten als anthropologische Konstante.1 Sie kommen in allen Gesellschaften zu allen Zeiten vor. Bereits Kaiser Ne-ro wusste dies für sich zu nutzen, als er den großen Brand von Rom den Christen anhängte, denen die Gesellschaft ohnehin einen „allge-
meinen Menschenhass“ unterstellte. Jedoch erst ab der Neuzeit, das heißt dem 17. Jahrhundert, ist nachweisbar, dass diese Theorien eine wesentliche Breitenwirkung in der Gesellschaft erlangten.
Im 20. und 21. Jahrhundert haben Verschwörungstheorien nun durch das Internet und die Massenmedien eine nie dagewesene Verbreitung erfahren. Im Jahr 2016 erfolgte in den USA eine Befragung von 36.000 Personen, ob sie die Chemtrail-Theorie für wahr hielten. 9 bis 10 Prozent hielten die Chemtrail-Verschwörung für absolut wahr, während weitere 19 bis 29 Prozent diese zumindest für teilweise wahr hielten2. Rechnet man dies auf die Bevölkerung der USA hoch, vertreten dort zwischen 92 bis 127 Millionen Menschen die Idee, dass die eigene Regierung ein geheimes Programm hat, durch welches sie giftige Chemikalien in die Luft sprüht. Dies ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass diese Theorie erst ab dem Jahr 1996 nachweislich verbreitet wurde.

Der Politikwissenschaftler Michael Barkun sieht drei Grundprinzipien, die Verschwörungstheorien zugrunde liegen: Nichts geschieht durch Zufall; nichts ist, wie es scheint; alles ist miteinander verbunden. So entsteht eine Sub-Realität, welche es ermöglicht, erstaunliche Annahmen zu treffen. Vertreter der „Flachen Erde“ gehen etwa davon aus, dass die Eiswälle der Antarktis die Erdscheibe umgeben. Diese wiederum würden von der NASA bewacht. Auch die gesamte Raumfahrt sei eine Fälschung, da sich die Himmelskörper innerhalb des Firmaments befinden würden. Wie wahrscheinlich es ist, dass eine solche Verschwörung für längere Zeit geheim gehalten werden kann, zeigt David Robert Grimes anhand der amerikanischen Mondlandung auf. Seine Berechnung geht davon aus, dass die NASA 1965 eine Spitzenbeschäftigung von 411.000 Personen hatte. Bei dieser Anzahl an involvierten Personen würde es demnach 3,68 Jahre dauern, bis die Verschwörung an die Öffentlichkeit gelange3.
Gegenbeispiele wie die jüngsten Datenleck-Skandale um die Panama-Papers, Dieselgate, Edward Snowden und Wikileaks zeigen, dass es selbst mächtigen Playern wie Regierungen oder Wirtschaftskonzernen nicht gelingt, fragwürdige oder illegale Praktiken auf Dauer zu verheimlichen.

Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien?
Ein Faktor ist sicherlich psychologischer Natur: Im Hintergrund existiert eine vermeintliche dunkle Macht, die als „Establishment“ die Fäden in der Hand hält und die meisten Menschen durch Gehirnwäsche unter Kontrolle bringt. Dagegen tritt nun eine kleine Gruppe „Tapferer“ auf, welche die Wahrheit erkannt haben und Widerstand leisten. Diese „Gallier-gegen-Römer“-Mentalität wertet die eigene Existenz auf. Wie attraktiv das sein kann, zeigt die Facebookseite „The Flat Earth Society“: Sie wuchs von Dezember 2017 bis April 2019 von 103.000 auf 208.000 Follower um mehr als 100 Prozent.

Für Christen stellt sich die Welt ebenfalls als eine Realität dar, in der nichts durch Zufall geschieht. Jedoch ist es keine dunkle Macht oder eine Gruppe Menschen, welche die Fäden im Hintergrund zieht, sondern Gott selbst; er lenkt die Welt nach seinem Plan. Sie sehen sich jedoch nicht als die Minderheit „Wissender“, die – über die anderen Menschen erhaben – gegen ein wie auch immer geartetes „Establishment“ kämpfen muss. Vielmehr ist das christliche Selbstverständnis das eines Botschafters, welcher den Menschen die gute Nachricht bringt: Die Trennung von Gott ist durch den Glauben an Jesus Christus aufgehoben und Rettung wird damit möglich. Klingt das nach einer Verschwörungstheorie? In den Augen eines modernen, aufgeklärten Menschen bestehen hier sicherlich Parallelen. Jedoch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Menschen erfahren seit über 2.000 Jahren die lebensverändernde Kraft von Jesus und tragen angesichts des Leids, des Bösen und des Todes dieser Welt dennoch eine reale Hoffnung in sich. Hoffnung aber bietet keine Verschwörungstheorie dieser Welt.

Mario Kunze
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1 Eine anthropologische Konstante bezeichnet etwas, das zum Wesen des Menschen gehört bzw. für so etwas gehalten wird. Sie ist unabhängig von besonderen Einflüssen und allgemein bei Menschen vorhanden. Ein weiteres Beispiel ist die Anlage für das Empfinden von Angst
2 https://www.nature.com/articles/s41599-017-0014-3/tables/1
3 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4728076/

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