Unsere Realität – Fakten, Glauben und ein bisschen Wahrheit

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ lautet der Titel eines Werks des bekannten Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. Er vertritt darin den radikal konstruktivistischen Ansatz, dass jede Auffassung von Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation und von nicht ewigen, objektiven Wahrheiten sei. Einfach gesagt: Es gibt keine Realität außer der, welche wir selbst konstruieren.
Nun scheint dies für den Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation durchaus plausibel zu sein. Für die Alltagserfahrung vieler Menschen gilt jedoch, dass sie zwischen Fakten und Werten unterscheiden. Fakten sind hart, greifbar und real. Sie sind objektive Wirklichkeit. Rot ist rot. Technisch beschreibt dies der Farbcode
#FF0000. Die Gravitationskonstante beträgt 6,67390⋅10−11 m3⋅kg-1⋅s-2 Dies lässt sich rechnerisch und experimentell belegen und ist damit real. Jedenfalls solange, wie dieser Wert nicht durch einen neuen Ansatz oder ein genaueres Experiment korrigiert oder sogar widerlegt
wird. Derzeit gilt beispielsweise die Konstante ab der vierten Stelle nach dem Komma als unsicher.
Ganz anders dagegen Werte: Sie sind subjektive Wahrnehmung und damit nahezu beliebig. Ethik und Religion werden diesem Bereich gerne zugeordnet. Du darfst glauben, was du willst, solange du dies nicht zur allgemeingültigen Norm erhebst – so lautet das Credo unserer Zeit. Damit können auch völlig widersprüchliche Anschauungen als
gleichberechtigt nebeneinanderstehend wahrgenommen werden. Diese könnten ja nicht den Anspruch auf die Abbildung der objektiven Realität erheben, so die Wahrnehmung.

Die harten Fakten sind jedoch bei näherer Betrachtung weit weniger eindeutig als wir gerne glauben wollen. Michael Polanyi zeigte in seinem philosophischen Hauptwerk Personal knowledge im Jahr 1958 auf, dass unser Faktenwissen untrennbar mit unserem persönlichen Hintergrund, unseren Fähigkeiten und unseren Lehrern verbunden ist. Es gibt kein Wissen um die Realität, welches unabhängig von diesen Faktoren ist. Damit wird jedes naturwissenschaftliche Bemühen um Fakten zu einem gefährlichen intellektuellen Unterfangen, da es immer möglich ist, zu irren.1 Du kennst die
Fakten? Wer hat sie dir beigebracht? Auf welchen Grundannahmen beruhen diese Fakten? In welchem konzeptionellen Rahmen interpretierst du diese Fakten? Und wie gehst du mit den wahrnehmbaren Phänomenen um, welche nicht zu deinen Fakten passen?2
Dies scheint die radikalen Skeptiker in ihrer Annahme zu bestärken, dass wir nichts über die Wirklichkeit wissen können. Gemäß Immanuel Kant ist die Welt, wie wir sie mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können, nur eine Interpretation, eine Filterung der Realität. Dahinter verberge sich das Noumenon3, welches für den Menschen nicht erkennbar sei. Doch hier stellt sich die Frage, woher wir denn wissen können, dass es so etwas wie eine nicht wahrnehmbare Wirklichkeit gibt? Dies ist letztlich eine intellektuelle Hypothese. Eine Glaubensaussage.
Die Wirklichkeit lässt eine Trennung in objektive Fakten und subjektiven Glauben nicht zu. Der Mensch hat eine gewaltige Kapazität zur Erforschung und zum Verstehen seines Selbst und seiner Umwelt. Dies ist jedoch nicht ohne Grundannahmen und Hypothesen möglich. Er stößt hier regelmäßig an seine Grenzen. Da, wo dies geschieht, wird er entweder zum Skeptiker oder zum Gläubigen4.
Wichtiger als die Frage nach Fakten und Glauben ist jedoch die Frage nach der Wahrheit. Nur wenn etwas wahr ist, erweist es sich als tragfähig. Dies gilt für Ethik und Religion gleichermaßen wie für die Naturwissenschaften. Für diese Wahrheit gilt jedoch das Gleiche wie für Fakten: Sie ist niemals eine kalte, abstrakte und theoretische Größe. Im Gegenteil: Sie hat immer ein wesentliches persönliches Element. Dies entspricht auch dem Kern des christlichen Glaubens. Es geht nicht um die Kenntnis einer Idee oder eines Systems dogmatischer Glaubenssätze, sondern um eine Person, Jesus Christus. Er ist die ganze Wahrheit5. Das ist zwar provokativ und löst auch nicht alle Unsicherheiten und die Unvollständigkeit menschlichen Erkennens auf. Aber er bietet ein tragfähiges Fundament6, auf dem wir unser Leben bauen können. Er ist das, was Fakten, aber auch Glauben allein nicht sein können: Der Schlüssel zur Realität!

Mario Kunze

____________
1 Berühmt ist hier das Zitat von Albert Einstein hinsichtlich der „unfehlbaren Mathematik“: „Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit.
2 Die Evolutionstheorie bietet hier ein anschauliches Beispiel: Die zunehmende Erkenntnis verschiedener wissenschaftlicher Teildisziplinen zeigt immer wieder deren Unzulänglichkeit auf. Dies führt zur ständigen Modifizierung der Theorie und einer gewaltigen Steigerung des Komplexitätsgrades, welche aber letztlich unbefriedigend bleibt. Die Theorie wird jedoch in Ermangelung an Alternativen nicht aufgegeben. Auch fehlt das Eingeständnis, dass sie in Bezug auf die Entstehung des Lebens auf Grundannahmen basieren muss, da sich die Vergangenheit im Wesentlichen unserer Beobachtungsmöglichkeit entzieht. Dies gilt im Übrigen für jede die Vergangenheit betreffende Aussage.
3 Der Begriff „Noumenon“ steht für das „Ding an sich“. Im Gegensatz zur sinnlichen Wahrnehmung von Gegenständen, handelt es sich um eine rein gedankliche Vorstellung einesnicht erfahrbaren Gegenstands.
4 Nach dieser Definition sind die Mehrheit der Naturwissenschaftler „Gläubige“. Die radikale Skepsis bleibt eher den Geisteswissenschaftlern vorbehalten, welche sich nicht mit der Realität herumschlagen müssen.
5 Die Bibel, Johannes 14,6
6 Jesus als Fundament bedeutet die Klärung der großen Lebensfragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens? Dazu gehört auch die ethische Dimension: Wie soll ich leben?