Frei von Gott – Das Ende einer Diktatur?

„Befreie dich von der Idee einer Himmelsdiktatur und du hast den ersten Schritt getan, um frei zu werden.“ Christopher Hitchens

Als aufgeklärte, wissenschaftliche Gesellschaft sind wir auf dem besten Weg, uns von der altertümlichen Last „Gott“ zu befreien. Ein denkender Mensch im 21. Jahrhundert hat keine himmlische Spionagekamera mehr nötig, und er lässt sich sein Leben schon gar nicht von der verstaubten Moral religiöser Fundamentalisten diktieren. Nietzsche sah dies schon früh, als er 1882 die Aphorismensammlung „Die fröhliche Wissenschaft“ veröffentlichte. In der Parabel vom „tollen Menschen“ sucht eine Person verzweifelt nach Gott. Dabei macht sie eine schreckliche Entdeckung: Sie selbst ist der Mörder Gottes! „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! … Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? … Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?“

Gott ist tot. Der moderne Mensch vermisst ihn auch nicht mehr, denn er hat Antworten auf alles gefunden: Wollen wir die Welt verstehen, fragen wir die Naturwissenschaft. Wollen wir wissen, wie wir unser Leben leben sollen, hören wir auf unser Herz. Und was wir noch nicht wissen, erforschen wir einfach. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir die letzte Wissenslücke – und damit auch den letzten Bereich, in dem Gott eine Rolle spielen könnte – geschlossen haben. Wenn wir ehrlich sind, leben die meisten Leute heutzutage, unabhängig von ihrer Weltanschauung, als gäbe es keine höhere Instanz: Nur das Ich zählt.

Doch trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 200 Jahre müssen wir uns die Frage stellen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Muss nicht jedes Weltbild grundlegende Fragen des Menschen wenigstens so zufriedenstellend beantworten können, dass es durch gute und schlechte Zeiten trägt? Was sind nun die existenziellen Fragen, die jeden Menschen von der Antike bis ins digitale Zeitalter beschäftigen?

Im Prinzip sind es fünf Grundfragen: Woher kommen wir? Wieso sind wir hier? Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Und wo geht es hin, wenn wir sterben? Die Fragen nach unserem Ursprung, unserem Lebenssinn, der Moral und unserem Schicksal müssen von jedem Weltbild beantwortet werden. Dabei muss es auch die von uns erfahrbare Lebenswirklichkeit berücksichtigen. Ein gottentleertes Weltbild kann nun zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen
führen. Eine der extremeren Ansichten fasst Michael Schmidt-Salomon in seinem „Manifest des evolutionären Humanismus“ ziemlich gut zusammen: Der Homo sapiens sei ein „unbeabsichtigtes, kosmologisch unbedeutendes und vorübergehendes Randphänomen eines sinnleeren Universums“. Demzufolge kommen wir aus dem Nichts. Wir sind ein unbeabsichtigtes weiteres „Überlebensexperiment der Evolution“. Ohne Ziel brachte die natürliche Selektion über den Tod tausender unangepasster Lebewesen den Menschen als eine weitere Stufe des Tierreichs hervor – zufälligerweise ausgestattet mit einem Verstand. Woher das Universum und überhaupt Leben kommt, kann hingegen nicht erklärt werden.

Unsere ganze Existenz, nicht nur das Universum, ist sinnentleert, es sei denn, der Mensch schafft diesen selbst. Wir können in uns selbst Sinn suchen und diesen auch finden. In Familie, Karriere, im Reisen oder im Versuch, die Welt zu verbessern. Doch ist dieser Sinn nicht zerbrechlich? Viele Menschen haben dies schon erlebt: Familie und Job kann man verlieren, die Gesundheit kann innerhalb von Sekunden schwinden und wir werden oft an den Punkt kommen, dass unsere Anstrengungen, die Welt zu verbessern, nicht zum gewünschten Erfolg führen.

Sind wir ein „kosmologisch unbedeutendes und vorübergehendes Randphänomen“? Haben dann unsere Bemühungen irgendeine Bedeutung? Unser Leben ist nicht einmal ein Augenzwinkern des Universums. Und der Tod macht sowieso alles gleich. Jede Entscheidung und jede Tat werden dann irrelevant. Hitler und Mutter Theresa, Stalin und Gandhi, du und ich. Wir gehen alle in das „Nichts“. Keine Unterschiede, aber auch keine Gerechtigkeit. Und schon gar keine Hoffnung. Ist es dann nicht egal, wie wir im „Hier und Jetzt“ mit unseren Mitmenschen umgehen? Wenn wir keine Instanz haben, die den Maßstab für richtig und falsch setzt, dann entscheiden wir Menschen selbst darüber.

Jeder entscheidet für sich selbst. Und in einer menschlichen Gesellschaft entscheidet die Mehrheit. Im Regelfall geht keiner davon aus, dass jegliche Moral rein subjektiv und damit reine Geschmackssache ist. Jedoch zeigt die Menschheitsgeschichte, dass es früher Annahmen gab, die heute als äußerst unmoralisch gelten. Sklaverei, Kolonialismus und die Rassenlehre gehören dazu. In gleicher Weise würde die heutige Auffassung in Bezug auf Sexualität, Ehe und Familie in der Vergangenheit als äußerst unmoralisch gelten. Die Idee, dass sich die Gesellschaft höher entwickelt und damit heute bessere Ansichten habe, ist reine menschliche Hybris. Die Geschichte lehrt vielmehr die Wechselhaftigkeit menschlicher Moral nach dem jeweils herrschenden Zeitgeist. Es gibt keine Konstante, kein tragendes Fundament.
Nun müssen wir uns fragen, ob uns dieses Weltbild tatsächlich tragen kann, wenn wir es konsequent zu Ende denken. Die von Gott losgelöste Freiheit birgt eigentlich keine echte Freiheit, sondern vielmehr Verlorenheit und Hoffnungslosigkeit. Nietzsche selbst schrieb noch in seinen Jugendjahren über Gott:

„Ich will dich kennen, Unbekannter,
Du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
du Unfassbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst Dir dienen.“

Ist das vielleicht einmal ein Grund, das eigene Weltbild kritisch zu reflektieren?