Die Freiheit des Menschen – Groß, aber selten genutzt

Willens(un)freiheit und moralische Verantwortung

Wie frei ist der Mensch? Theologen und Philosophen bemühen sich seit Jahrtausenden um diese Frage, ohne eine abschließende Antwort zu finden. Die Alltagserfahrung vieler Menschen suggeriert ein hohes Maß an Freiheit. Ich kann denken, was ich will. Studieren, was ich will. Meine Freizeit verbringen, wie ich will. Einkaufen, was ich will. Denkt man über diese Frage jedoch etwas tiefer nach, ergeben sich überraschend viele Limitierungen und Bedingungen:
Mein Denken ist durch meinen Erfahrungshorizont begrenzt. Meine Studienmöglichkeiten von den schulischen Leistungen sowie dem Teil der Welt, in dem ich lebe. Meine Freizeitgestaltung ist limitiert durch die begrenzte Anzahl von Angeboten und meiner begrenzten Zeit. Und kaufen kann ich nur, was verfügbar ist und innerhalb meiner finanziellen Möglichkeiten liegt. Menschliche Freiheit scheint begrenzter zu sein, als wir dies im Alltag wahrnehmen. Geht man noch einen Schritt weiter und fragt nach den Motiven und Ursachen für unsere Willensentscheidungen und Handlungen, ergibt sich noch ein viel engerer Rahmen. Woher kommt mein Wollen?

Welche Faktoren beeinflussen und konditionieren es? Der Philosoph Baruch de Spinoza meinte, dass die Menschen nur aus dem Grunde glauben, frei zu sein, weil sie sich ihrer Handlungen bewusst seien, nicht aber der Ursachen, von welchen sie bestimmt würden. Arthur Schopenhauer formulierte es noch drastischer: „Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will“. Offensichtlich sahen diese beiden Denker einen gewissen Rahmen für eine Handlungsfreiheit des Menschen, nicht aber für eine echte Willensfreiheit.

In Theologie und Philosophie gibt es drei Denkschulen: den Libertarismus, den Determinismus und den Kompatibilismus. Libertäre Denker waren bemüht, ein Szenario zu konstruieren, in welchem der Mensch völlig frei in seiner Entscheidung wäre. Hierfür ergeben sich hohe Hürden. Ein Mensch müsste völlig Einsicht in die Gründe seines Handelns haben (Intelligibilität), er müsste unter identischen Umständen in der Lage sein, jeweils anders zu entscheiden (Autonomie) und die Fähigkeit zur Erstauslösung haben (Origination), d.h. eine Wahl oder Handlung aus sich selbst heraus, ohne eine Beeinflussung durch Kausalketten, zu bewirken. Dass ein solches Maß an Freiheit in der Wirklichkeit eher die Ausnahme ist, ist Vertretern dieser Auffassung bewusst. Es geht ihnen vielmehr um die reale Existenz der Möglichkeit.
Vertreter des harten Determinismus verneinen einen solchen Freiheitsrahmen des Menschen. Er sei eine reine Illusion. Dabei sind ihre Ansätze nicht homogen. Es eint sie nur die Ablehnung des libertären Freiheitsbegriffes und ein gewisser Grundpessimismus gegenüber den Möglichkeiten des Menschen. Vertreter des Kompatibilismus, auch weicher Determinismus genannt, versuchen nun diese Gegensätze zu überbrücken, indem sie Freiheit neu definieren. Freiheit sei nicht die völlige Autonomität des Menschen, sondern die Einsicht in das Notwendige. Es gäbe keinen Zwang, sondern eine begründete Wahl. Nur gäbe es zu dieser Wahl keine reale Alternative.
Da die Voraussetzungen für eine absolute Freiheit des Menschen sehr hochgesteckt sind, ist diese Ansicht eher angreifbar als der harte Determinismus oder die schwächere Form des Kompatibilismus. Und sehr wahrscheinlich auch falsch. Der Mensch hat nicht die Fähigkeit, allein aus seiner mentalen Kraft, ohne jegliche externen Kräfte, etwas aus dem Nichts hervorzubringen. Dies käme einem Schöpfungsakt Gottes gleich. Er ist nicht völlig autonom, sondern Teil eines äußerst komplexen Geflechts von Wechselwirkungen.

Hat der Mensch jedoch keine wirkliche Willensfreiheit, stellt sich sofort die Frage nach der menschlichen Verantwortlichkeit. Wenn alles auf das Prinzip von Ursache/Wirkung zurückzuführen ist, hätte der Mensch ja nie anders handeln können und könnte damit auch nicht moralisch für sein Tun verantwortlich gemacht werden. Diese extreme Ansicht, welche sich teilweise beim harten Determinismus findet, ihm aber vor allem von seinen Kritikern vorgeworfen wird, hat fatalistische Züge. Alles ist festgelegt. Ein unentrinnbares Schicksal. Wer kann hier noch zur Verantwortung gezogen werden? Eine solche Sicht ist jedoch nicht notwendigerweise das Resultat der Verneinung absoluter menschlicher Freiheit. Auch wenn der Mensch keine absolute Autonomität hinsichtlich seines Willens hat, kann er sich im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten zu einer Handlung entscheiden. Diese Entscheidung wird jedoch anhand des Willens des Menschen getroffen. Und der Willensbildungsprozess ist stärker determiniert, als wir denken. Nach dem Kognitionspsychologen Wolfgang Prinz „tun wir nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“. Wenn aber eine Handlung unserem Willen entspricht, sind wir auch moralisch dafür verantwortlich.

Auch die Bibel kennt einen weichen Determinismus. Gott ist der souveräne Herrscher über die ganze Welt. Seine aktive Regierung erstreckt sich bis in die kleinsten Vorgänge unserer Welt. Die Haare auf unserem Kopf sind gezählt (Mt 10,30). Gott versorgt Spatzen mit Nahrung und kleidet das Gras des Feldes (Matthäus 6,26.30) und er bestimmt Lebensanfang und Ende des Menschen (1. Samuel 2,6). Selbst die Pläne des Menschenherzens werden in ihrer Umsetzung von Gott gesteuert (Sprüche 16,9). Als Töpfer formt er den Menschen zu Gefäßen mit gutem und mit schlechtem Zweck (Römer 9,20-23). Jedoch ist immer klar, dass der Mensch die Verantwortung für seine Entscheidungen trägt. Als ein Geschöpf Gottes muss er sich vor Gott für sein Leben verantworten. Er kann diese Verantwortung nicht auf Gott, andere Menschen oder die Umstände abwälzen. Dies versuchte im Übrigen schon Adam, der nach dem Sündenfall zunächst Eva die Schuld in die Schuhe schob, ultimativ aber Gott anklagte. Schließlich hatte Gott Eva geschaffen, ohne die Adam nicht verführt worden wäre! Der Mensch kann sich aber weder dem Willen Gottes noch seiner eigenen Verantwortung entziehen.

Nun wünscht sich Gott, dass jeder Mensch durch Jesus Christus gerettet wird (1. Timotheus 2,4). Er möchte, dass du zu ihm gehörst und sein Kind wirst. Dazu hat er seinen Sohn am Kreuz für dich sterben lassen. Durch Gottes Wirken hat dieser Studienhelfer den Weg in deine Hände gefunden und du hast sogar diesen Artikel gelesen. Die entscheidende Frage ist nun, wie du darauf reagierst. Du hast hier eine Handlungsfreiheit, auch wenn dein Wollen durch eine Vielzahl von Faktoren durch Gott gelenkt wird. Du hast eine Verantwortung, auf dieses Angebot zu reagieren – es abzulehnen oder anzunehmen – mit den entsprechenden Konsequenzen. Nimm diese Verantwortung wahr!
Unsere Freiheit ist zwar geringer, als wir uns einbilden, aber viel größer, als wir täglich realisieren. Verpasse nicht diese Chance. Denn das größte Problem des Menschen ist nicht seine zu geringe Freiheit, sondern Trägheit und Unwillen, das Maß an Freiheit zu gebrauchen, welches Gott ihm gibt.