Der richtige Zeitpunkt

Es gibt Ereignisse, da muss man zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Am 25. Januar 2016 war so ein Moment. Sehr selten kommt es an einem bestimmten Ort auf der Erde beziehungsweise in einem sehr schmalen Korridor zu einem Transit (Vorüberflug) der Internationalen Raumstation (ISS) vor dem Mond. Wegen der enormen Bahngeschwindigkeit von ca. 28.000 Kilometern/Stunde und bei einer vergleichsweise geringen Flughöhe von ca. 400 km über der Erdoberfläche und einem Abstand von ca. 670 km zum gewählten Beobachtungsstandpunkt ergab sich für das hier beschriebene Foto eine Transitzeit von nur 0,8 Sekunden! Kann man so etwas überhaupt ablichten, fragte ich mich? Ich entschloss mich, einen Versuch zu wagen. Dazu muss man zunächst herausfinden, wo der mögliche Beobachtungskorridor liegt. In meinem Fall lag er nur etwa 6 km von meinem Aufenthaltsort in der Nähe von Stuttgart. Dort suchte ich eine möglichst gut von Fremdlicht abgeschirmte Lichtung im Wald auf, wo ich ungestört meine Gerätschaften aufbauen konnte. Im Internet findet man exakte Berechnungen des Ereigniszeitpunktes in Abhängigkeit von der Beobachtungsposition. Mit diesen Daten musste die eigene Uhr mittels Atomzeit abgeglichen werden. Natürlich sollte dann am geplanten Beobachtungsort auch noch das geeignete Wetter herrschen. In diesem Fall war es zwar erfreulicherweise klar, aber die Luft wegen eines heranziehenden Tiefdruckgebietes sehr unruhig. Deshalb war eine stärkere Vergrößerung als die hier gewählte (800 mm Brennweite) nicht möglich. Nun galt es, das kleine Fernrohr mit Fotoapparat aufzubauen, abzuwarten und rechtzeitig auf den noch fast vollen Mond zu fokussieren.

Die Kamera muss bei solch kurzen Ereigniszeiten eine Serienaufnahme-Geschwindigkeit deutlich unter einer Sekunde erreichen, weshalb ich bei meiner in die Jahre gekommenen Kamera eine mittlere Bildqualität wählte, um sicher zu gehen. ISO-Zahl und Belichtungszeit müssen ebenfalls so optimiert werden, dass sehr schnelle Bewegungen gerade noch so “eingefroren” werden. Dies ist nur bei einem stark reflektierenden Vollmond möglich! Ein Testfoto ergab sich zufällig durch eine Dank des nahegelegenen Flughafens tieffliegende Passagiermaschine, die, von meinem Beobachtungsstandort aus betrachtet, zielstrebig “Richtung Mond” flog. Jetzt bloß noch im richtigen Moment den Auslöser drücken – fertig! Exakt um 22:54:29 Uhr war es dann soweit. Ich verglich die Uhrzeit und startete zwei Sekunden vor dem ISS-Transit die Serienbild-Aufnahme und beendete sie zwei Sekunden später. Aus den ca. 15 Fotos wählte ich das beste meiner drei “Treffer” aus. Trotz des schlechten Seeings (Maß für die Luftruhe, beziehungsweise -unruhe) sind die riesigen Solar-Panels der etwa 110 m Spannweite aufweisenden Raumstation zu erkennen.

Die ganze Aktion hat mich daran erinnert, wie oft es im Leben darauf ankommt, im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu sein. Und dass dies für persönliche Begegnungen nicht selten deutlich mehr zählt, als etwa ein besonderes Astro-Foto zu kreieren. Bin ich da, wenn ich gebraucht werde? Oder bin ich da, wie es ein mir bekannter Pfarrer einmal auf den Punkt brachte, wenn Gott die Situation schafft, in der ich glauben kann? Von diesen Momenten sollte ich im Leben nicht viele verpassen!

Winfried Borlinghaus