Vergleich zwischen Christentum und Buddhismus

– Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Christentum und Buddhismus

Armin Bachor
Aufgrund der Komplexität dieses Themas möchte ich mich auf zwei scheinbare Gemeinsamkeiten und zwei markante Unterschiede beschränken. Zunächst die Gemeinsamkeiten:

1. Gemeinsamkeit: Liebe, Mitgefühl

“Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch hassen und verfolgen” (Mt. 5, 44). Ausgehend von dieser Aussage Jesu erläutert der Dalai Lama das buddhistische Konzept von Mitleid, wie es in seiner Tradition verstanden und praktiziert wird. Im praktizierten Buddhismus geht es seit jeher um Liebe und Mitgefühl, doch in der Praxis des Mahayana-Buddhismus, der vom Dalai Lama vertreten wird, spielt eben dieses Mitgefühl eine ganz besonders wichtige Rolle. Das wahre und aufrichtige Mitgefühl ist “ein von Anhaftung und von der Beschränkung durch persönliche Vorlieben freies Mitgefühl”. Verwandte Begriffe sind: Liebe, Geduld, Toleranz, Gleichmut, Zuneigung, Einfühlungsvermögen, Unvoreingenommenheit.

Die wichtigste Vorbedingung für dieses Mitgefühl ist, “dass wir allen empfindenden Wesen Gleichmut entgegenbringen”. Gleichmut hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, sondern ist eine ausgereifte Unvoreingenommenheit, die allen Wesen mit einem vorurteilsfreien Vertrauen entgegenkommt. Dort verschwinden letztlich die Grenzen zwischen dem Freund, dem ich naturgemäß ein “Gefühl der Nähe, der Anhaftung” entgegenbringe und dem Feind, der für mich stets ein guter spiritueller Lehrer ist, da seine Existenz mir “die Gelegenheit verschafft, Toleranz, Geduld und Verständnis zu entwickeln und zu vergrößern.”

Wenn die Auswirkungen des christlichen Gebotes der Liebe und Feindesliebe sowie des buddhistischen Mitgefühls in der Praxis kaum zu unterscheiden sind, so ist aber die Motivation in beiden Fällen eine völlig andere. Während der Buddhist durch die Übungen des Achtfachen Pfades seine eigene Erlösung erarbeitet, indem er sich in der Liebe an  anderen Menschen übt, so handelt der Christ aufgrund seiner persönlichen Beziehung zu seinem Schöpfer. Die Liebe zu Gott ist im Christlichen Glauben immer die Voraussetzung für die Liebe zum Nächsten (vgl. Lk. 10, 27): “Gottes Liebe ist für alle sichtbar geworden, als er seinen einzigen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch Christus ein neues und ewiges Leben bekommen. Er gab uns seinen Sohn, der alle Schuld auf sich nahm, um uns von unserer Schuld freizusprechen” (1. Joh. 4, 9-10).

Unsere Liebe zu Gott als Antwort auf seine Liebe drückt sich aus in der Gewissheit der Erlösung von unserer Schuld. Dann sind wir frei, unseren Nächsten zu lieben, “weil Gott uns zuerst geliebt hat” (1. Joh. 4, 19).

2. Gemeinsamkeit: Glaube und Denken

Manchmal hört man Kritiker des Christlichen Glaubens sagen: “Entweder jemand ist intelligent, oder er ist Christ!” Der Glaube wird hier zu einer rein mystisch-spirituellen Erfahrung degradiert, die nur dann stattfinden kann, wenn das Denken ausgeschaltet ist. Man vermutet fälschlicherweise, dass Denken und Glauben nicht zusammengehören und verfällt in ein“Entweder-oder”.

Wer nun meint, die buddhistische Glaubenspraxis sei nur eine rein mystisch-esoterische Erfahrungsreligion oder der christliche Glaube sei nur für Menschen nachvollziehbar, die nicht denken, der wird durch folgende Ausführungen des Dalai Lama belehrt: “Basiert unser Glauben, unsere Überzeugung auf einem Verständnis, das wir uns gedanklich erarbeitet haben, so ist dieser Glauben, diese Überzeugung, sehr gefestigt. Solch eine Überzeugung ist gefestigt, da Sie sich selbst von der Wirksamkeit oder Gültigkeit der Idee überzeugt haben, auf die Sie Ihren Glauben setzen. Und  dementsprechend ist diese Überzeugung für Sie eine sehr kraftvolle Handlungsmotivation. Darum ist aus der Sicht des Buddhismus auf dem spirituellen Weg Intelligenz sehr bedeutsam.”

Zusammenfassend könnte man sagen: Im Buddhismus bilden Denken, Glauben und Handeln eine Einheit. Dabei lassen sich die Begriffe “Glaube” und “Denken” beschreiben als die Summe des buddhistischen Bestrebens nach Erkenntnis, nach Wissen, nach der vollkommenen Erleuchtung durch spirituelle Übungen. Der Glaube oder die Überzeugung, die im Nachdenken gefestigt worden ist, ist unerschütterlich. Mit einem tibetischen Sprichwort beendet der Dalai Lama seinen Gedankengang: “Jemand, dessen Glauben nicht auf Vernunft gründet, ist wie ein Wasserlauf, der überall hingeleitet werden kann.”

Auch der christliche Glaube, so wie die Bibel ihn beschreibt, zeichnet sich aus durch die Einheit von Glauben und Denken. In einem Aufruf an die Christen schreibt Paulus in einem seiner Briefe: “Seid nicht wie unerfahrene
und unmündige Kinder, die von jedem Wind der Lehre wie Meereswellen hin und her geworfen und durchein-andergewirbelt werden” (Eph. 4, 14).

Immer wieder warnt das Neue Testament vor falschen Lehren, die Christen verführen können: “Lasst euch von keiner Ideologie oder irgendwelchem leeren Gerede einfangen. All das haben sich Menschen ausgedacht; aber hinter ihren Gedanken stehen dunkle, dämonische Mächte und nicht Christus” (Kol. 2, 8). Aus diesem Grund ist eine Bewertung anderer Denkund Glaubensrichtungen anhand der Bibel wichtig und geboten. Denken und Glauben gehören für einen Christen zusammen.

Der entscheidende Unterschied zwischen dem buddhistischen Glauben und dem christlichen Glauben ist, bei aller augenscheinlichen Ähnlichkeit, daß “Glauben” im biblischen Sinn nicht nur durch rationales Nachdenken entsteht und durch eifriges Wollen gelebt werden kann. Große Intelligenz ist keine Voraussetzung für einen starken Glauben. Der christliche Glaube ist nicht einfach vom Menschen selber her in jeder Beziehung denkbar, machbar, d.h. logisch-rational nachvollziehbar (1. Kor. 1, 18-21. 25-27; 1. Kor. 2, 12. 14; Eph. 4, 17-19). Es muss zunächst zu einer grundlegenden geistgewirkten Erneuerung unseres Denkens kommen, eine Erneuerung “im tiefsten Inneren unseres Geisteslebens” (Eph. 4, 23). Glaube in der Bibel bedeutet letztlich auch, dass ich einer Person vertraue. Ich verlasse mich mit allem, was ich bin und habe, meine jetzige Situation und meine Zukunft, auf Jesus Christus, den lebendigen und wiederkommenden HERRN meines Lebens. Und um diese Lebensmitte geht es auch im Streben nach mehr Erkenntnis. Glaube und Denken bedeutet “dass ihr in eurem Leben immer mehr die unverdiente Liebe und Gnade unseres Herrn und Retters Jesus Christus erfahrt und ihn immer besser kennen lernt. Denn ihm allein gehört alle Ehre – jetzt und in Ewigkeit!” (2. Petrus 3, 18). Damit komme ich zu den Unterschieden:

1. Unterschied: Schöpfer und Schöpfung

Die Bibel lehrt, dass Himmel und Erde, also der gesamte Kosmos, aus dem Nichts geschaffen worden ist durch das Wort Gottes (Hebr. 11, 3). Er sprach und es war da (1. Mose 1). Gott ist ein intelligentes Wesen, also eine Person. Eine Person zeichnet sich immer aus durch die geistige Fähigkeit zu denken, zu wollen und zu empfinden. Als intelligenter Architekt hat Gott alles und jeden durch sein Wort, d. h. durch Jesus Christus geschaffen: “Durch ihn ist alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, alles Sichtbare und Unsichtbare …” (Kol. 1,16).

Diese Lehre von der Erschaffung aller Dinge und Wesen durch einen persönlichen Gott ist grundlegend für den christlichen Glauben. Denn daraus ergibt sich, dass ich für alles, was ich tue, diesem Schöpfer Rechenschaft schuldig bin und ihm gegenüber verantwortlich bin. Selbst der Dalai Lama als populärer Vertreter des tibetischen Buddhismus erinnert uns Christen an die für manche längst zu den Akten gelegte biblische Lehre von dem Schöpfer und der Schöpfung. Für ihn als einen von außen die Bibel betrachtenden Buddhisten ist es keine Frage, dass die Bibel selbstverständlich davon ausgeht, dass alle Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind und daher alle Geschöpfe “ausnahmslos Geschöpfe desselben Gottes sind”, denn für einen Christen beruhe die gesamte metaphysische Weltsicht auf dem Glauben an die Schöpfung und einen göttlichen Schöpfer, der Allmacht und Allwissenheit besitzt und damit auch die absolute und letztendliche Wahrheit ist.

Leider haben viele Menschen den, wie sie meinen, nur für Kinder annehmbaren Glauben an einen Schöpfergott der naturalistischen Entstehungsphilosophie der Evolution geopfert. Anstelle des persönlichen und intelligenten Architekten des Universums, den Gott der Bibel, ist die Natur getreten, der in einer pseudowissenschaftlichen Beweisführung schöpferische Kräfte zugemessen werden. Weiter sagt der Dalai Lama, dass für Christen zwischen Schöpfer und Mensch eine direkte, persönliche Verbindung bestehe, die uns ein Gefühl der Nähe und der Vertrautheit mit unserem Schöpfer gäbe. Der Dalai Lama, der als Buddhist in keinster Weise diese Auffassung vertritt, kommt zu dem Ergebnis, dass an dieser Stelle ein Gegensatz zwischen dem Buddhismus und dem Christentum fortbestehen muss.

Im Buddhismus selber gibt es nämlich diesen persönlichen Schöpfer nicht, zu dem ich eine direkte, persönliche und vertrauensvolle Beziehung haben kann. Der Buddhist hält sich stattdessen an ein ethisches System, das seine Verhaltensweisen steuern soll. In der Tradition des Mahayana-Buddhismus gibt es auch Götter. So wird dort Buddha selbst als Gott verehrt. Daneben gibt es auch Heilige, die sog. Bodhisattwas, die selber zu Buddhas, d.h. zu vollkommen Erleuchteten geworden sind. Sie verzichten aber auf den Eingang ins Nirwana (Verlöschen der irdischen Existenz), um sich immer wieder in einen bestimmten Menschen zu reinkarnieren, um allen anderen Menschen als Mittler zur Erlösung zu verhelfen. Auch der Dalai Lama versteht sich selber als so einen Bodhisattwa, einer Reinkarnation des Gottes Chenrezi, und wird auch als ein göttliches Wesen von seinen Anhängern verehrt.

Wenn auch der Buddhismus von einem biblisch verstandenen christlichen Glauben in der Frage nach Gott sehr weit entfernt ist, so ist er andererseits sehr nahe an der üblicherweise materialistisch-atheistisch verstandenen Naturwissenschaft, die den Schöpfergott in gleicher Weise ausblendet wie es der Buddhismus tut. Ist der Buddhismus im abendländisch, zunehmend neuheidnischen Westen deshalb so attraktiv, weil das atheistisch-evolutionäre Weltbild unserer Naturwissenschaften ein Vakuum geschaffen hat für ein Verlangen nach Religion, nach Mystik? Ganz sicher. Denn der Buddhismus erfüllt eben beides: für das rationale Denken eine Welt ohne persönlichen Schöpfergott und für das mystische Fühlen eine Sphäre meditativer Versenkung.

2. Unterschied: Erlösung

Im Buddhismus ist die Lehre Buddhas (Vier Edle Wahrheiten; Achtfacher Pfad) wegweisend. Das Wissen um die vier edlen Wahrheiten, die besagen, woher das Leid kommt und wie eine Befreiung vom Leid zustande kommen kann, führt letztlich zur Erlösung, zum Nirwana (Erlöschen). Der Achtfache Pfad zur Überwindung des Leidens knüpft an die vierte Edle Wahrheit, dass es einen Ausweg aus dem Leid gibt, an und zeigt einen konkreten Weg aus dem Leid heraus. Dieser Achtfache Pfad stellt an jeden praktizierenden Buddhisten eine hohe ethische Anforderung, die nur unter höchster Konzentration gut gelingen kann. Konzentrierte und regelmäßige Meditation und stetiges Gutestun ist nur etwas für Menschen mit Intelligenz und einer großen Willenskraft. Und nur diese werden die Erleuchtung, die tiefe Erkenntnis, das Heil, die eigene Befreiung, ja die eigene Erlösung vollkommen erreichen. Genau das Gleiche hat Goethe ausgedrückt, als er schrieb: “Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen”.

Im christlichen Glauben wird die Erlösung von seiten des persönlichen Schöpfergottes erbracht. Er hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen eigenen Sohn in diese Welt schickte (Joh. 3, 16; 2. Kor. 5, 19-21; Kol. 1, 19-20), damit er stellvertretend für unsere Sünden am Kreuz starb. Durch seine Auferstehung von den Toten kann er uns neues, ewiges Leben geben. Gottes Liebe zu den Menschen, die von Natur aus gegen ihn eingestellt sind (Kol. 1, 21), hat ihn dazu veranlasst, sie zu erlösen.

Von sich selber aus kann der Mensch den ethischen Standard Gottes nicht erfüllen. Er bleibt immer vor ihm und seinen Mitmenschen schuldig und unvollkommen und damit auch ausgeschlossen vom Heil, denn Gott verlangt vom Menschen eine perfekte Makellosigkeit: “Denn darin sind die Menschen gleich: Alle sind Sünder und haben nichts aufzuweisen, was Gott gefallen könnte” (Röm. 3, 23).

Die Befreiung und Erlösung des Menschen kann allein durch den Erlöser Jesus Christus geschehen. Durch den Glauben können wir diese Erlösung für uns persönlich in Anspruch nehmen: “Durch seinen Tod hat euch Christus mit Gott versöhnt, so dass ihr einmal ohne Sünde und ohne jeden Makel vor Gott stehen könnt” (Kol. 1, 22).

“Denn wenn du mit deinem Munde bekennst: Jesus Christus ist Herr, und wenn du von ganzem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, dann wirst du gerettet werden. Wer also von Herzen an Christus glaubt und seinen Glauben auch bekennt, der erlebt, was es heißt, von Christus erlöst zu sein” (Röm. 10, 9-10).
Natürlich ist auch der Christ für sein Leben und seine Mitmenschen verantwortlich, denn “bei ihm gilt allein der Glaube, der sich in selbstloser Liebe zeigt” (Gal. 5,6). Dass sich das im Leben der Christen leider nicht immer zeigt, entwertet nicht die Forderung der christlichen Ethik. Liebe, d.h. Vertrauen und Gehorsam zu Gott und Liebe zum Mitmenschen, das ist das Wesen des christlichen Glaubens (Lk. 10, 27).

 

Bibelzitate aus: Hoffnung für alle – Die Bibel (Basel, Gießen: Brunnen-Verlag, 1996).