Buchtipp: John Lennox, Stephen Hawking, das Universum und Gott

Rezension: John Lennox, Stephen Hawking, das Universum und Gott

In fast regelmäßigen Abständen werden in den letzten Jahre Bücher zu Bestsellern, deren leidenschaftliche Autoren nur ein Ziel zu verfolgen scheinen: die Welt muss davon überzeugt werden, dass es keinen Schöpfergott gibt. Folglich kann es nur die Alternative der Selbstorganisation und Selbstentwicklung des Lebens geben. An die einseitigen Auswirkungen auf wissenschaftliche Fragestellungen und Theoriebildungen haben wir uns fast schon gewöhnt. Die radikalen Folgen für philosophische, theologische, moralische und ethische Überlegungen sind dagegen noch wenig ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt. Nicht so bei John Lennox. In seiner gewohnt scharfsinnigen Art bezieht der Mathematiker und Philosoph in seinem neuen Buch Stellung zu dem Buch von Stephen Hawking „Der große Entwurf“. Ist Hawkings „Großer Entwurf“ etwa der seit langem erhoffte Durchbruch in der Physik? Finden wir hier sogar die entscheidenden Antworten auf die brennenden Fragen des Lebens und den Sinn unseres Seins? Immerhin verspricht ein solcher Titel aus der Feder eines Autoren, der als einer der größten und populärsten Physiker unserer Zeit gilt, einiges! Hat Stephen Hawking nun tatsächlich eine hieb- und stichfeste Weltformel der Physik entdeckt, mit der sich etwa Quanten- und Relativitätstheorien harmonisieren lassen? Oder hat Hawking gar den Planer und Schöpfer des „Großen Entwurfs“ im Blick?

Leider ist beides nicht der Fall. Stattdessen erscheint Hawkings nun deutlich formulierter Atheismus als ein Rückschritt gegenüber seinen Äußerungen in früheren Werken, in denen er manches an Rückschlüssen noch offen ließ.

John Lennox, Mathematiker der Universität Oxford, kritisiert punktgenau und nachvollziehbar. Die steilen Thesen von Hawking fordern regelrecht zum Widerspruch heraus. Die schwerwiegend erscheinenden Behauptungen in Hawkings Buch „Der große Entwurf“ sind jedoch zugleich die Schwachpunkte seiner Argumentation. Hawkings Werk wurde z.B. von der Süddeutschen Zeitung mit den Worten gepriesen: „Hawking hat in seinem neuen Buch >Der große Entwurf< gemeinsam mit seinem Koautor Leonard Mlodinow die Existenz Gottes widerlegt.“ (Lennox, S.8) Oder Hawking behauptet selbst: „…die Philosophie ist tot“ (Hawking, Mlodinow, S.11). Ein scharfer Denker wie John Lennox erkennt glücklicherweise die Schwachpunkte solcher Behauptungen und dreht den Spieß um. Er kritisiert in seiner unnachahmlich treffenden Art Hawkings arrogante Haltung gegenüber der Philosophie: „Abgesehen von der Hybris gegenüber der Philosophie, einer Disziplin, die an seiner eigenen Universität Cambridge stark vertreten und geachtet ist, stellt dies einen recht beunruhigenden Beleg dafür dar, dass zumindest ein Naturwissenschaftler, nämlich Hawking selbst, mit der Philosophie nicht nur nicht Schritt gehalten hat, sondern offenbar auch nicht genug davon versteht, um zu erkennen, dass er selbst dabei ist, sie zu betreiben.“ (Lennox, S.11).

Und an anderer Stelle: „Nachdem Hawking mit einer philosophischen Aussage die Philosophie herabgesetzt hat, stürzt er sich mit großer Inkonsequenz Hals über Kopf in die Philosophie. Denn insofern er Naturwissenschaften zur Beantwortung letzter Fragen wie der nach der Existenz Gottes heranzieht, treibt Hawking Metaphysik. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: daraus mache ich ihm keinen Vorwurf. Ich befasse mich in diesem Buch ebenfalls durchweg mit Metaphysik. Meine Kritik zielt nur darauf, dass seine Haltung gegenüber der Philosophie inkonsequent ist.“ (ebd. S.13)

Nun mag man solche Äußerungen für zu polemisch halten, doch muss es erlaubt sein, deutlich Stellung zu beziehen, wenn namhafte Wissenschaftler mit zu simplen Behauptungen die eigenen Überzeugungen zu untermauern suchen. Der Hauptgedanke von Hawking ist, wie Lennox außerdem bemerkt, alles andere als neu. Hawking schreibt: „Spontane Erzeugung ist der Grund, warum etwas ist und nicht einfach nichts, warum es das Universum gibt, warum es uns gibt. Es ist nicht nötig, Gott als den ersten Beweger zu bemühen, der das Licht entzündet und das Universum in Gang gesetzt hat.“ (Hawking, Mlodinow, S.177)

In einem Focus Interview (focus 36/10, 6.Sept.2010, Schöpfung ohne Schöpfer) spottet Hawking: „Wer soll Gott geschaffen haben, wenn er die Ursache für die Existenz unseres Universums sein sollte? Gleichzeitig spricht er dann in seinem Buch von einem „großen Entwurf“ durch die Naturgesetze. Hawking setzt also an die Stelle Gottes schlicht und einfach die Naturgesetze, um seinen atheistischen Standpunkt halten zu können (vgl. Lennox, S.52). Wenn er dann spöttisch die uralte philosophische Frage gegen den Schöpfer anführt, muss er konsequenterweise auch die Frage erlauben, wer wohl die Naturgesetze geschaffen hat. Genau hier fühlt ihm Lennox „auf den Zahn“ indem er u.a. Hawkings oberflächliches Lückenbüßer-Gottesbild mit dem biblischen Verständnis vergleicht: „Gott ist kein Lückenbüßergott, sondern Urheber aller Dinge. (…) Ohne ihn gäbe es für Physiker wie Stephen Hawking und Leonard Mlodinow auch nichts zu studieren. Gott ist also der Schöpfer der Teile des Universums, die wir verstehen, als auch derjenigen, die wir nicht verstehen. Und natürlich sind es die Teile, die wir verstehen, die am stärksten von Gottes Existenz und seinem Handeln zeugen. So wie ich das Genie hinter einem technischen oder künstlerischen Werk umso mehr bewundern kann, je besser ich es verstehe, so nimmt die Verehrung des Schöpfers zu, je besser ich das Universum verstehe, das er erschaffen hat.“ (Lennox, S.19)

Lennox gesteht allerdings indirekt ein, dass er es sich seinerseits auch nicht ganz so einfach mit seiner Argumentation machen kann. Auf das Problem der Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Feststellung bestimmter Naturgesetzmäßigkeiten und dem gelegentlichen Durchbrechen dieser Gesetze durch den Schöpfer, wie es die biblischen Berichte bezeugen, geht er deshalb ausführlich in zwei Kapiteln am Ende des Buches ein. Er gibt also später zu, dass das nicht verständliche Handeln Gottes sehr wohl und gewichtig von dessen Existenz und seinem direkten Eingreifen in unsere Welt zeugt! Das Problem der Beweisführung ist, dass ein solches übernatürliches Eingreifen Gottes zwar in der Bibel häufig dokumentiert ist, sich heutzutage aber äußerst selten objektiv feststellen lässt. Dies scheint Hawking Recht zu geben, der eine solche Handlungsmöglichkeit Gottes generell ausschließen will, weil es seiner Meinung nach nichts geben kann, was den Naturgesetzen nicht vollständig entspricht. Lennox setzt sich mit diesem Argument vor allem im Kapitel „Wunder und Naturgesetze“ intensiv auseinander (Lennox, S.63ff). Beispielhaft führt er das zentrale Wunder der Auferstehung Jesu als historisch dokumentiertes Ereignis ins Feld, das nachweislich schon damals nicht etwa leichtgläubig zur Kenntnis genommen wurde, wie Hawking unterstellt, sondern wegen seiner großen unnatürlichen Außergewöhnlichkeit mit großer Skepsis betrachtet wurde. Dennoch gab es an den Fakten der Beobachtung und den Berichten der Augenzeugen nichts zu rütteln. Lennox argumentiert, dass Wissenschaftler wie Hawking ihre Thesen ebenfalls nicht ausschließlich (induktiv) durch wiederholbare wissenschaftliche Versuche untermauern können, sondern (abduktive) Schlüsse auf die beste Erklärung ziehen müssen, speziell wenn es um die Ereignisse des Ursprungs des Universums geht. Lennox weist nach, dass in den eindrucksvollsten mathematischen „Selbstentwicklungs-Modellen“ nicht die Gesetze etwas von selbst entwickeln, sondern dass diese zuvor ausgedacht werden müssen und einer vorlaufenden Intelligenz bedürfen: „Sie sind weder aus dem Nichts noch durch Zufall erschaffen, sondern durch Intelligenz.“ (Lennox, S.54).

Dies ist vielleicht das entscheidende Argument gegen Hawkings These, der den Schöpfer einfach durch Naturgesetze ersetzen will. Lennox trifft mit seiner Kritik ins Schwarze: „Die erste Frage, die zu stellen wäre, ist: Was meint Hawking mit dem Wort >>Nichts<< in dem Satz: >>Das Universum kann und wird sich aus dem Nichts erzeugen<<? Denn man beachte die Annahme im ersten Teil: >>Da es ein Gesetz der Gravitation gibt …<<. Hawking geht also davon aus, dass ein Gesetz der Gravitation existiert. Das ist nicht >>nichts<<. (…) In Hawkings Satz finden sich gleich zwei Widersprüche. Er sagt, das Universum entstehe aus einem Nichts, das dann doch etwas sei (erster Selbstwiderspruch), und fährt dann fort, dieses Universum erzeuge sich aus sich selbst (zweiter Selbstwiderspruch). Aber auch sein Gedanke, ein Naturgesetz (Gravitation) erkläre die Existenz des Universums, widerspricht sich selbst, denn die Existenz eines Naturgesetzes hängt per definitionem von der vorherigen Existenz der Natur ab, die es zu beschreiben behauptet.“ (Lennox, S.20f)

Fazit: Das Buch von John Lennox ist keine leichte Kost, obwohl es in gut verständlicher Sprache geschrieben ist und nur 75 Seiten enthält. Nach einer starken und nicht emotionslosen Eröffnung werden hervorragende Argumente entfaltet. Außer den oben erwähnten Gedanken finden sich noch lesenswerte Abschnitte über die gedankliche Flucht ins Multiversum und die spekulative M-Theorie. Im mittleren Drittel mag das Buch durch Ausflüge in die Erkenntnistheorie inklusive der Diskussion entsprechender Wirklichkeitsmodelle etwas philosophisch und mit Zitaten überladen wirken, doch bleibt es auch mit dieser „Einschränkung“ absolut lesenswert! Ein Muss für bisher einseitig informierte Wissenschaftsgläubige, die meinen, dass sie sich die Auseinandersetzung mit der biblischen Botschaft aufgrund der Erkenntnisse von Leuten wie Hawking, Dawkins u.a. Atheisten sparen könnten. Genauso ein Muss für Christen, die sich bisher die gründliche Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Argumenten nicht zumuten wollten.
Die Kürze des Buches und die absolut nicht trockene Art von Lennox ist schon Grund genug, sich diese Lektüre zu gönnen.

Winfried Borlinghaus

Verwendete Literatur:

  • Lennox John, Stephen Hawking, das Universum und Gott, IfGuW, SCM R. Brockhaus; Witten 2011
  • Hawking Stephen u. Mlodinow Leonard, Der große Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums, Reinbek; Rowohlt 2010