Zu Besuch in Philippi

Apostelgeschichteg 16,11-40

 

11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis 12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. 13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. 14 Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde. 15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns. 16 Es geschah aber, als wir zum Gebet gingen, da begegnete uns eine Magd, die hatte einen Wahrsagegeist und brachte ihren Herren viel Gewinn ein mit ihrem Wahrsagen. 17 Die folgte Paulus und uns überall hin und schrie: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen. 18 Das tat sie viele Tage lang. Paulus war darüber so aufgebracht, dass er sich umwandte und zu dem Geist sprach: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, dass du von ihr ausfährst. Und er fuhr aus zu derselben Stunde. 19 Als aber ihre Herren sahen, dass damit ihre Hoffnung auf Gewinn ausgefahren war, ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Oberen 20 und führten sie den Stadtrichtern vor und sprachen: Diese Menschen bringen unsre Stadt in Aufruhr; sie sind Juden 21 und verkünden Ordnungen, die wir weder annehmen noch einhalten dürfen, weil wir Römer sind. 22 Und das Volk wandte sich gegen sie; und die Stadtrichter ließen ihnen die Kleider herunterreißen und befahlen, sie mit Stöcken zu schlagen. 23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. 35 Als es aber Tag geworden war, sandten die Stadtrichter die Amtsdiener und ließen sagen: Lass diese Männer frei! 36 Und der Aufseher überbrachte Paulus diese Botschaft: Die Stadtrichter haben hergesandt, dass ihr frei sein sollt. Nun kommt heraus und geht hin in Frieden! 37 Paulus aber sprach zu ihnen: Sie haben uns ohne Recht und Urteil öffentlich geschlagen, die wir doch römische Bürger sind, und in das Gefängnis geworfen, und sollten uns nun heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen selbst kommen und uns hinausführen! 38 Die Amtsdiener berichteten diese Worte den Stadtrichtern. Da fürchteten sie sich, als sie hörten, dass sie römische Bürger seien, 39 und kamen und redeten ihnen zu, führten sie heraus und baten sie, die Stadt zu verlassen. 40 Da gingen sie aus dem Gefängnis und gingen zu der Lydia. Und als sie die Brüder gesehen und sie getröstet hatten, zogen sie fort. (LUT84)

Situation

Nachdem Paulus sich von Barnabas getrennt hatte, nahm er Silas für seine zweite Missionsreise mit sich (15,36-40). Gemeinsam besuchten sie die Gemeinden, die auf der ersten Missionsreise durch Paulus gegründet wurden. Dort stieß dann auch Timotheus zu ihnen (16,1-3). Obwohl sie ursprünglich andere Pläne hatten, hörten sie den Ruf Gottes das Evangelium in Europa zu bekannt zu machen (16,6-10). Philippi war ihre erste Station.

Kurze Erklärung zum Text

Um eine Synagoge zu gründen waren 10 jüdische Männer erforderlich. Da es diese in Philippi vermutlich nicht gab, machten sich Paulus und seine Begleiter auf die Suche nach einer Gebetsstätte. Im folgenden werden uns drei Personen vorgestellt.

Die gottesfürchtige Purpurhändlerin Lydia war die erste Person, die dort zum Glauben fand. Gottesfürchtige waren neben den gebürtigen Juden und den Proselyten eine dritte Gruppe von Menschen, die dem Judentum nahestanden. Neben der Anbetung des Gottes Israels haben sie vermutlich mindestens noch das Sabbatgebot und die Speisegebote gehalten. Als Frau und dazu als Heidin genoss sie wohl keine große Anerkennung im Judentum, obwohl sie durch ihre Arbeit eine recht wohlhabende Frau gewesen sein muss.

Die zweite Person, deren Leben durch Gott verändert wurde war eine Sklavin mit einem Wahrsagegeist. Da sie die Verkündigung der frohen Botschaft durch ihre Besessenheit behindert treibt Paulus den Geist aus. Statt sich darüber zu freuen, dass die Frau befreit wurde, gerieten ihre Besitzer in Rage, da sie ihren Gewinn dahinschwinden sahen (vgl. Mt 8,28-34; Apg 19,24f). Paulus und Silas landeten im Gefängnis.

Die dritte Person war der Kerkermeister. In zivilen Verwaltungen wurde das Personal normalerweise aus Sklaven rekrutiert, die der Stadt gehörten. Für Philippi sind eine

ganze Anzahl von öffentlichen Sklaven bezeugt. Der Gefängniswärter wird vermutlich einer von ihnen gewesen sein, auch wenn er eine gehobene Stellung inne hatte. Er hatte mindestens einen Diener unter sich (16,29) und hatte ein Haus (16,31-34). Nicht wenige Sklaven brachten es zu einem gewissen Reichtum.

Fragen zum Text

  • In welchen Bereichen ist Lydia ein Beispiel, dem wir folgen sollten (16,14f)?
  • Warum treibt Paulus  den Wahrsagegeist aus (16,16-18)? Half er ihnen mit seinen Worten nicht bei der Verbreitung des Evangeliums (vgl. Phil 1,15-18)?
  • In der Auslegung des ersten Gebots in seinem großen Katechismus schrieb Martin Luther: „Woran du aber dein Herz hängst, das ist dein Gott“ (vgl. Mt 6,21). Würdest du ihm hier zustimmen? Was sagt das über die Motivation der Sklavenbesitzer aus (16,18-20)? Woran hängt dein Herz?
  • Trotz den aussichtslosen Umständen behielten Paulus und Silas ihren Glauben und ihre Freude (16,25). Wie können wir uns als Christen auf Verfolgung vorbereiten?
  • Paulus berief sich auf sein römisches Bürgerrecht (16,37). Wann sollte sich ein Christ auf sein Recht berufen und wann Unrecht ertragen (vgl. 1Kor 6,7).

Richtungswechsel

Von Gott geleitet machte sich Paulus mit seinen Begleitern auf den Weg nach Europa. Sie wurden nicht gerade mit großer Begeisterung in Empfang genommen. Im Gegenteil. Sie wurden geschlagen und ins Gefängnis geworfen. Trotzdem verloren sie den Mut nicht. Wir sollten uns auf Zeiten vorbereiten, in denen wir wegen unserem Glauben in Bedrängnis geraten. Fangen wir heute an.

Der Bericht in Philippi macht auch deutlich, dass Gott uns gebrauchen kann, wo wir auch sind. Wer hätte gedacht, dass Gott die ausweglos scheinende Situation von Paulus und Silas dazu gebraucht den Kerkermeister zu retten? In welcher Lebenssituation wir uns auch befinden, lassen wir uns von Gott dazu gebrauchen seine frohe Botschaft untern den Menschen bekannt zu machen.