Bibeltexte- Original oder Fälschung (ein Beispiel)

Johannes 7,53-8,11

 

53 Und jeder ging heim. 1 Jesus aber ging zum Ölberg. 2 Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. 3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. 10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? 11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr. (LUT84)

Vorbemerkungen

Bei der vorliegende Perikope von der Ehebrecherin ist es umstritten ob sie zum ursprünglichen Johannesevangelium gehörte oder nicht. Die große Mehrheit der deutschen Bibelübersetzungen fügen deshalb eine Fußnote ein. So heißt es z.B. in der Lutherübersetzung von 1984: „Der Bericht 7,53-8,11 ist in den ältesten Textzeugen des Johannes-Evangeliums nicht enthalten.“ Die revidierte Elberfelder Übersetzung von 2006 gibt an: „In den wichtigsten alten Handschr. ist der Abschnitt 7,53-8,11 nicht enthalten.“ Wir haben uns deshalb dazu entschieden hier ein Special zum Thema Textkritik einzufügen, statt den Text als normale Bibelstudienhilfe zu gestalten. Als hochschul.net-Redaktion sind wir bei der Beurteilung nicht in allem einer Meinung. Es wird hier trotzdem eine vertretene Position dargestellt, die zur Diskussion anregen soll.

Über die Perikope hinaus sollen auch Prinzipien der Textkritik aufgezeigt werden, anhand derer ähnliche Fragen diskutiert werden können. Da es sich im Alten und Neuen Testament um unterschiedliche Textgrundlagen handelt, beschäftigt sich der Beitrag nur mit neutestamentlicher Textkritik. Dazu zwei Vorbemerkungen:

  • Es muss klar herausgestellt werden: Textkritik ist nicht gleich Bibelkritik. Es geht hier nicht darum, die Bibel als Wort Gottes anzuzweifeln. Wir sind davon überzeugt, dass die Schreiber des Neuen Testaments ihre Evangelien und Briefe unter der Leitung und der Inspiration des Heiligen Geistes verfassten. Da die Originale heute aber nicht mehr zur Verfügung haben, stellt sich die Frage wie man sie am sichersten rekonstruiert.
  • Gegenwärtig gibt es etwa 5.700 griechische Handschriften des Neuen Testaments oder von Teilen daraus, die zum Großteil zwischen dem zweiten und dem sechzehnten Jahrhundert verfasst worden sind. Dazu kommen etwa 20.000 Abschriften mit Übersetzungen in andere Sprachen und mehr als 1.000.000 zitierte Bibelverse von Kirchenvätern. Im Wesentlichen sind die Texte sich sehr ähnlich. So stimmt z.B. der Textus Receptus (TR), den Erasmus von Rotterdam im 16. Jahrhundert mit Hilfe einer Handvoll griechischer Grundtexte zusammenstellte, die allesamt aus dem zweiten Jahrtausend stammten, zu über 96% mit der heutigen meist gebrauchten 27.Auflage der wissenschaftlichen Ausgabe des Nestle-Aland (NA27) überein. Von den verbleibenden weniger als 4% besteht der größte Teil aus Differenzen, die in einer Übersetzung erst gar nicht zum Tragen kommen. Keine wesentliche christliche Lehre ist davon abhängig welchen Grundtext  man als Grundlage nimmt. Die einzigen zwei längeren umstrittenen Passagen sind Mk 16,9-20 und Joh 7,53-8,11. Letzte soll hier kurz diskutiert werden.

Grundlagen der Textkritik

Grundsätzlich werden in evangelikalen Kreisen zwei Ansätze verfolgt, um zu Beurteilen welcher Text der wahrscheinlich ursprüngliche ist. Der Mehrheitstext  (MT) nimmt den Text als Ursprünglich an, der in der Mehrheit der Handschriften enthalten ist. Man spricht auch vom byzantinischen Texttyp weil die meisten Handschriften, die diesen Text repräsentieren, geografisch auf das byzantinische Reich zurückgehen. Die englische New King James Übersetzung  hat diesen Text als Grundlage. Der Textus-Receptus (TR), den Erasmus von Rotterdam im 16.Jahrhundert erstellte und der die Grundlage für die erste deutsche Bibelübersetzung von Martin Luther wurde, stimmt in großen Teilen mit dem Mehrheitstext überein.  Er basiert allerdings auf einer deutlich kleineren Anzahl von Handschriften und ist, im Gegensatz zum MT, seit Erasmus unverändert geblieben (Erasmus selbst überarbeitete den TR allerdings mehrfach). Deutsche Übersetzungen, die den TR als Grundlage haben, sind die Schlachter 2000 und das Jantzen NT.

Der Textkritische Ansatz (NA27) gewichtet Handschriften unterschiedlich. Die Faktoren, die hier eine Rolle spielen, werden in interne und externe Evidenz unterteilt.  Was die interne Evidenz angeht, so werden die Texte bevorzugt, die am besten erklären wie die übrigen entstanden sind – sei es durch unabsichtliche oder beabsichtigte Änderungen im Text. Was die externe Evidenz angeht, so bevorzugt man die Texte, die am frühsten datiert werden können, die sich an anderen Stellen als zuverlässig  erwiesen haben und die übereinstimmend an unterschiedlichen geografischen Orten gefunden wurden. Man spricht hier auch vom alexandrinischen Texttyp, weil die Mehrheit der frühen Handschriften, die mit dem rekonstruierten Text weitgehend übereinstimmen, in dieser Region gefunden wurde. Fast alle übrigen deutschen Bibelübersetzungen verfolgen diesen Ansatz (z.B. Luther, Elberfelder, Menge und viele weitere), was nicht heißt, dass sie NA27 in jeder einzelnen Entscheidung folgen.

Ein Beispiel für unterschiedliche Lesarten der Texttypen ist Joh 1,18. NA27 favorisiert  ‚μονογενὴς θεὸς‘ (der eingeborene Gott), was in den frühsten Handschriften gut belegt ist. MT und TR haben ‚ὁ μονογενὴς υἱός‘ (der eingeborene Sohn). Diese Lesart findet sich in der Mehrheit der verfügbaren Handschriften. Um die externe Evidenz zu berücksichtigen, werden die einzelnen Handschriften geprüft, gezählt und ggf. gewichtet.  Um die interne Evidenz für die unterschiedlichen Lesarten zu prüfen, muss man prüfen welche Motivation die Kopisten gehabt haben könnten, den Text zu ändern. So könnte man annehmen, dass ‚der eingeborene Gott‘ zu ‚der eingeborene Sohn‘ wurde, um Joh 1,18 mit 3,16 zu harmonisieren. Ebenso könnte es aber auch sein, dass ‚der eingeborene Sohn‘ zu ‚der eingeborene Gott‘ wurde, um ein weiteres Argument für die Trinitätslehre zu bekommen. An dieser Stelle ist die Entscheidung wirklich nicht einfach. Schlachter 2000 und Jantzen NT entscheiden sich als typische Vertreter des TR für ‚der eingeborene Sohn‘. Interessant ist, dass die rev. Elberfelder Übersetzung hier ebenso übersetzt und damit von NA27 abweicht. Das macht deutlich, dass die Entscheidung hier nicht leicht ist. Luther 1984, Einheitsübersetzung und die Mehrheit der übrigen Übersetzungen schreiben mit NA27 ‚der eingeborene Gott‘. In jedem Fall ist zu sagen, dass die Gottheit von Jesus nicht an der Lesart von Joh 1,18 hängt. Es gibt genügend andere Stellen im Neuen Testament die vom Textbefund her unumstritten sind und sie beweisen.

Ein anderes Beispiel ist Joh 5,3b-4. Im Mehrheitstext sind die Verse enthalten, NA27 betrachtet sie als spätere Hinzufügung, da sie in frühsten verfügbaren und ihrer Ansicht nach besten Handschriften nicht enthalten sind. Bei der revidierte Elberfelder, Luther und andere Übersetzungen, sind die Verse lediglich zusammen mit einem Hinweis darauf in der Fußnote enthalten. Bei der Schlachter 2000 und dem Jantzen NT stehen die Verse ohne Anmerkung im Text. Bevorzugt man die früheren Handschriften, legt die externe Evidenz nahe, dass die Verse hinzugefügt wurden. Was die interne Evidenz angeht, so ist es leichter nachvollziehbar, dass sie jemand hinzugefügt hat, um die folgenden Verse verständlicher zu machen.

Zur Perikope der Ehebrecherin (Joh 7,53-8,11)

Zum externen Befund: Die frühsten Abschriften des Johannesevangeliums, die die Perikope enthalten, stammen aus dem frühen fünften Jahrhundert. Bedeutende frühe Handschriften, die die Perikope nicht enthalten, sind z.B. die Papyri P66 und P75 (beide um 200). Auch in den Kodizes א (Codex Sinaiticus) und B (Codex Vaticanus) (beide um 350) sind sie nicht enthalten. Weiterhin macht ein Übergang von 7,52 auf  8,12 durchaus Sinn. 8,12 scheint an eine Gesprächssituation anzuknüpfen und diese ist in 7,52 (im Gegensatz zu 8,11) gegeben.

Hinweise auf die Historizität der Begebenheit finden sich schon früher. Didymus der Blinde erwähnt sie im vierten Jahrhundert und die syrische Didascalia Apostolorum im dritten. Beide allerdings ohne Referenz zum Johannesevangelium. Papias bezieht sich im frühen zweiten Jahrhundert auf eine Begebenheit mit einer Frau, die man „vieler Sünden beschuldigte“. Es ist allerdings ungewiss ob es sich um die gleiche Begebenheit handelt und Papias bezieht sich dabei auf das so genannte Hebräerevangelium. Es ist also möglich, dass die Begebenheit tatsächlich stattgefunden hat. Einzug ins Johannesevangelium hat sie allerdings vermutlich erst später gehalten. Das wird auch dadurch nahegelegt, dass es insgesamt 5 Stellen gibt, an denen sie in verschiedenen Handschriften gefunden wird (nach Joh 7,36, 44, 52, am Ende des Johannesevangeliums und nach Lk 21,38). Diese und weitere Gründe zur externen Evidenz legen nahe, dass es sich zwar möglicherweise um einen authentischen Bericht handelt, dieser aber ursprünglich vermutlich nicht Teil des Johannesevangeliums war.

Zum internen Befund: 14 von 82 Wörtern dieser Perikope finden sich bei Johannes sonst nirgendwo. Auch gewisse Stilmerkmale im Text scheinen für Johannes fremd zu sein. Einschränkend muss zwar gesagt werden, dass die Problematik mit dem Ehebruch ein Thema aufgreift, das sich so nicht wieder bei Johannes findet. Es ist aber trotzdem auffällig. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Perikope mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zum ursprünglichen Johannesevangelium gehörte.

Literaturhinweise zur Textkritik

Wallace, Daniel. Manuscript Reliability (I / II) und Number of Variants (I / II), http://ehrmanproject.com (zuletzt geprüft: 27.03.2017).

Vanheiden, Karl-Heinz. Näher am Original? Wuppertal: R.Brockhaus Verlag, 2007.

Literaturhinweise zu Joh 7,53-8,11

Baum, Armin D. „Die Perikope von der Ehebrecherin (Joh 7,53-8,11): Ihr Weg ins Johannesevangelium.“ In Sprache lieben – Gottes Wort verstehen. Beträge zur biblischen Exegese – Festschrift für Heinrich von Siebenthal. Hsg. Walter Hilbrands, 231-272. Gießen: Brunnen Verlag, 2011.

Baum, Armin D. „Hat die Perikope von der Ehebrecherin (Joh 7,53–8,11) kanonische Autorität? – Ein interkonfessioneller Zugang“. Theologische Beiträge 43, nr. 1 (2012): 7-20. (http://www.theologische-beitraege.de/fileadmin/theo/downloads/ThBeitr2012-1_Baum.pdf) (zuletzt geprüft: 10.04.2012).