Das Drama der Verhaftung Jesu: viele Niederlagen und ein Sieg

Johannes 18,1-19,15

 

Der lange Text in Auszügen:

18,1 Als Jesus das geredet hatte, ging er hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron; da war ein Garten, in den gingen Jesus und seine Jünger. 2 Judas aber, der ihn verriet, kannte den Ort auch, denn Jesus versammelte sich oft [a]dort mit seinen Jüngern. 3 Als nun Judas die Schar der Soldaten mit sich genommen hatte und Knechte von den Hohenpriestern und Pharisäern, kommt er dahin mit Fackeln, Lampen und mit Waffen. 4 Da nun Jesus alles wusste, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? 5 Sie antworteten ihm: Jesus von Nazareth. Er spricht zu ihnen: Ich bin’s! Judas aber, der ihn verriet, stand auch bei ihnen. 6 Als nun Jesus zu ihnen sagte: Ich bin’s!, wichen sie zurück und fielen zu Boden. 7 Da fragte er sie abermals: Wen sucht ihr? Sie aber sprachen: Jesus von Nazareth. 8 Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Sucht ihr mich, so lasst diese gehen! 9 Damit sollte das Wort erfüllt werden, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast. 10 Simon Petrus aber hatte ein Schwert und zog es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Und der Knecht hieß Malchus. 11 Da sprach Jesus zu Petrus: Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?

(…)

17 Da sprach die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sprach: Ich bin’s nicht. (…) 25 Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Da sprachen sie zu ihm: Bist du nicht einer seiner Jünger? Er leugnete und sprach: Ich bin’s nicht. 26 Spricht einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Sah ich dich nicht im Garten bei ihm? 27 Da leugnete Petrus abermals, und alsbald krähte der Hahn.

(…)

33 Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden? 34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben dir’s andere über mich gesagt? 35 Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? 36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. 37 Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. 38 Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.

(…)

19,7 Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn [a]er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. 8 Als Pilatus dies Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr 9 und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort. 10 Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? 11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde. 12 Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. 13 Als Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata. 14 Es war aber am Rüsttag für das Passafest um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König! 15 Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: [a]Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. 16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. (Lu 1984)

Situation

Die Lage spitzt sich zu. Es wird ernst! Jesus verbringt nach dem letzten gemeinsamen Abendessen nur noch wenige Stunden gemeinsam mit seinen Jüngern im Garten Gethsemane. Das Drama von Verrat, Verhaftung, Verleugnung des „mutigsten“ Jüngers und dem anschließenden Verhör und politisch kalkuliertem, unfairen Todesurteil nimmt seinen Lauf.

Erklärung zum Text

Der „Park“ als Verhaftungsort Jesu nennt sich Gethsemane und liegt der Jerusalemer Altstadt östlich gegenüber am Ölberg. Dazwischen liegt das obere, dort nur noch wenig ausgeprägte  Kidrontal. Der Park hat bis heute einen uralten Olivenbaum-Bestand, von dem einige Exemplare durchaus aus der Zeit Jesu stammen können. Es handelt sich um einen Ort, an den sich Jesus offensichtlich häufiger mit seinen Jüngern zurückgezogen hatte, wenn er sich im Raum Jerusalem aufhielt (18,2).

Die große Frage ist, wieso der Verrat des Judas an diesem Ort überhaupt nötig war, wo sich Jesus doch während des bevorstehenden Passahfestes sowieso in der Stadt aufgehalten hatte und dies durch seinen spektakulären Einzug in die Stadt absolut öffentlich geworden war. Die Art der Festnahme ist auf die Feigheit der politischen und religiösen Führungskräfte der Juden (Hoher Rat = Sanhedrin) zurückzuführen. Jesus spielt auf diese Feigheit bei seinem Verhör an (Joh 18,20). Es war ja bei ihnen schon lange beschlossene Sache, Jesus auszuschalten (vgl. Joh 5,18; Mk 14,1). Da Jesus immer mehr Zuspruch im Volk fand, konnte man ihn nicht einfach so, während er predigte oder sich ganz normal in der Stadt aufhielt, festnehmen. Das hätte zu viel Aufsehen und vermutlich einen Aufstand seiner Anhänger provoziert, wofür sich dann wiederum der Hohe Rat vor dem römischen Präfekten Pilatus hätte verantworten müssen (Mk 14,2). Pontius Pilatus verwaltete die römische Provinz Judäa zur Zeit Jesu und zur Zeit der Regierung des römischen Kasiers Tiberius. So ließen sich die jüdischen Führungskräfte gerne auf einen Deal mit dem Jünger Judas ein, der aktiv mit seinem „Angebot“ des Verrats auf den Hohen Rat zugegangen war (Mk 14,10f).

Das Versagen des Petrus ist ein weiterer „Tiefschlag“. Ausgerechnet der Jünger knickt ein, den Jesus als Fels bezeichnet und dem er besondere Verantwortung überträgt (vgl. Mt 16,18) und der selbst von sich glaubt, besonders mutig zu sein (Mt 26,35). Petrus versuchte bei der Festnahme Jesu sogar diesen mit Gewalt zu verteidigen (Joh 18,10) und besitzt dann nicht den Mut sich zu Jesus zu bekennen, als er merkt, es könnte auch ihn erwischen. Jesus wird nach seiner Auferstehung auf dieses dreimalige Versagen Bezug nehmen, als er Petrus fragt: „hast Du mich lieb?“ (Joh 21,17).

Jesus wird nach seiner Festnahme zunächst in den „Palast des Hohenpriesters“ gebracht. Hier traf sich der Hohe Rat regelmäßig zu seinen Sitzungen und es handelte sich wohl um ein Gebäude mit Hof, der burgartig verschlossen werden konnte.  Die beiden Hannas und Kaiphas waren als Hohepriester verwandschaftlich verbunden, wobei Hannas als Schwiegervater die erste „Beurteilung“ vornimmt. Sowohl Hannas (Joh 18,19) als auch Kaiphas (Joh 18,24) werden als Hohepriester bezeichnet. Dabei war vermutlich Kaiphas der aktuelle Amtsinhaber und Hannas sein unmittelbarer Vorgänger. Vielleicht wurde der Titel von ihm noch eine Weile weitergeführt oder wahrscheinlicher: es handelte sich um eine Übergangszeit der Amtsübergabe zwischen beiden. Seit der Regierung des jüdischen Vasallen-Königs Herodes des Großen war das Hohepriesteramt kein lebenslanges mehr und die Besetzung wurde vom römischen Präfekten bestimmt. Damit war eine politische Unabhängigkeit von den Römern selbst in diesem höchsten geistlichen Amt unmöglich.

Interessant ist die Tatsache, dass im Johannes-Evangelium nur Inhalte des Verhörs von Seiten des Hannas erwähnt werden und Kaiphas nur eine unbedeutende Durchgangstation zu Piltaus zu sein scheint, der ohnehin das letzte Urteil treffen muss. Der ganze Prozess Jesu ist durch schwache, unfähige und auf das eigene Ansehen konzentrierte Führungskräfte  gekennzeichnet. In der äußerlichen Schwäche und scheinbaren Hilflosigkeit Jesu wird eine noch größere Hilflosigkeit der Politik offengelegt und gleichzeitig die enorme innere Stärke Jesu sichtbar! Diese Stärke gipfelt in der mutigen und völlig offenen Antwort Jesu an Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (18,36), „Ich bin ein König“ (18,37), und vor allem in „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde“ (19,11). Dieser letzte Satz Jesu an Pilatus ist ein „Hammer“ angesichts der aussichtslosen Situation in der er sich  befindet! Er schlägt bei Pilatus so ein, dass dieser Jesus freilassen möchte, weil er wohl etwas davon begreift, dass er selbst als römischer Präfekt einem noch höheren Richter gegenüber verantwortlich ist, als seinem Kaiser in Rom. Jesus bezeichnet Pilatus als Sünder und dieser lässt es sich sagen, ohne auszurasten! Das ist ein deutlicher Hinweis auf einen gewissen Durchblick des Pilatus, selbst wenn er dann zu feige ist, seinem Unschulds-Befund einen Freispruch folgen zu lassen. Pilatus ist dem innenpolitischen Druck der aufgehetzten Menge nicht gewachsen und trifft ein strategisches Fehlurteil !

Fragen zum Text

  1. In welchen Situationen braucht man heute besonderen Mut?
  2. Warum passiert es, dass man ab und zu nicht zu dem steht, was man denkt und glaubt?
  3. Was ist an dem Verhalten von Judas, Petrus und Pilatus jeweils nachvollziehbar und worin liegt ihr Versagen?
  4. Was beeindruckt dich am Verhalten Jesu und worin zeigt sich sein Größe gegenüber denjenigen, die ihre Machtinteressen durchzusetzen versuchen?
  5. Welche Rolle spielt die Mehrheitsmeinung und das Bedürfnis nach Anerkennung bei Fehlentscheidungen, sowohl im politischen, als auch im persönlichen Bereich?

Richtungswechsel

Es ist verständlich, wenn jemand seine Überzeugungen in gewissen Situationen aus Angst verrät. Wie Judas noch einen Schritt weiter gehen und Kapital daraus schlagen, indem man einen anderen „ans Messer“  liefert, ist unerträglich fies. Sicher denkst du: das passiert mir nie. Oder wie Petrus glatte Lügen zu erzählen, um nicht in Verbindung mit einer Person gebracht zu werden, die man zwar liebt, aber wegen der es Nachteile bzgl. des eigenen Ansehens geben könnte: passiert mir nicht! Bei Petrus war ja immerhin sein Leben in Gefahr, was sicher noch einmal eine andere Dimension ist. Überlege einmal, wie schnell man in solchen Situationen Kurzschlusshandlungen begeht und versagen kann. Wie sehr würde es helfen, wenn man sich in solchen Lagen die Kehrseite einer schnellen Notlüge oder eines finanziellen Vorteils auf Kosten anderer klar macht. Nimm dir in kritischen Situationen die nötige Zeit zu entscheiden! Mit Jesus fest verbunden sein, bedeutet dabei Stärke in aussichtslosen Lagen zeigen und ungewöhnliche Entscheidungen treffen. Jesus ist stark und gibt demjenigen die nötige Kraft, der ihm auch in solchen Grenzsituationen bedingungslos vertraut. Er gibt eine innere Stärke, die selbst gewiefte Macht-Menschen alt aussehen lässt. Mit Jesus stehst du selbst dann auf der Siegerseite, wenn Du oberflächlich betrachtet zu den Verlieren gehörst!