Totenauferweckung, eine Zumutung für die Vernunft?

Johannes 11,1-57

 

14 Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben; 15 und ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht da gewesen bin, damit ihr glaubt. Aber lasst uns zu ihm gehen! 16 Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben! 17 Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. 18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa eine halbe Stunde entfernt. 19 Und viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders. 20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. 21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24 Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. 25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; 26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? 27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. 28 Und als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich. 29 Als Maria das hörte, stand sie eilend auf und kam zu ihm. 30 Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war noch dort, wo ihm Marta begegnet war. 31 Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie dachten: Sie geht zum Grab, um dort zu weinen. 32 Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, ergrimmte er im Geist und wurde sehr betrübt 34 und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh es! 35 Und Jesus gingen die Augen über. 36 Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt! 37 Einige aber unter ihnen sprachen: Er hat dem Blinden die Augen aufgetan; konnte er nicht auch machen, dass dieser nicht sterben musste? 38 Da ergrimmte Jesus abermals und kam zum Grab. Es war aber eine Höhle und ein Stein lag davor. 39 Jesus sprach: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. 40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41 Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. 42 Ich weiß, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. 43 Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44 Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen! (Luther 1984)

Situation

Betanien, südlich von Jerusalem auf der anderen Seite des Ölberges gelegen, war eine beliebte „Raststation“ Jesu, wenn er sich in der Nähe von Jerusalem aufhielt (Lk 10,38ff). Deshalb ist ihm auch die Familie des Lazarus gut bekannt. Das Verhältnis zu den drei Geschwistern Marta, Maria und Lazarus war sehr herzlich (Joh 11,5). Jesus hatte sich nach der Aufregung um die Blindenheilung und seine Beinahe-Steinigung in Jerusalem (Joh 10,22ff.31.40f) an den Jordan zurückgezogen. Lazarus erkrankt schwer und seine Schwestern lassen Jesus diese Nachricht überbringen und hoffen auf Hilfe. Zeit vergeht und Jesus nimmt sich zusätzlich welche.
Er scheint zu lange gewartet zu haben, denn Lazarus stirbt. Das Ende aller Hoffnung?

Erklärung zum Text

Lazarus ist tot und nicht nur „scheintot“! Er liegt bereits im Grab und der Verwesungsprozess hat eingesetzt. Diese Bemerkung Martas ist wichtig als eindeutiges Todeszeichen (Joh 11,39). Es ist möglich, dass Marta den Leichengeruch im Zusammenhang mit dem Balsamierungsprozess selbst wahrgenommen hatte, bzw. diese Arbeiten bereits eingestellt waren weil der Verwesungsprozess einsetzte . Nach den damals üblichen Bestattungsritualen wurde der Tote einbalsamiert und in Tücher gewickelt. Unter Umständen wurde der Leichnam auch erst wenige Tage später nach der Grablegung „behandelt“ , wie im Falle Jesu, weil dort z.B. der Sabbat dazwischen kam (vgl. Joh 19,40; Lk 23,55f-24,1). Nach der kompletten Verwesung in einem Felsengrab wurden die Knochen i.d.R. ein zweites Mal in einem Ossuar (Knochenkasten) endgültig bestattet. Wenn etwas klar war, dann, dass Lazarus wirklich tot und nicht irgendwie scheintot war! Auch Jesus bestätigt das in Form einer prophetischen Aussage (Joh 11,13f). Der Tod ist aufgrund der endgültigen Abwesenheit des Toten in der Gemeinschaft der Hinterbliebenen immer ein Schock. Selbst die enge Verbindung der drei Geschwister zu Jesus kann vor der schrecklichen Empfindung dieses endgültigen Verlustes nicht bewahren. Der Schock und die Hoffnungslosigkeit angesichts des „zu spät“ werden im Text sehr anschaulich und lebensnah geschildert. Dazu auch die unterschiedliche Reaktion der Schwestern, als Jesus endlich auftaucht. Maria ist zu nichts mehr zu bewegen (ähnlich bei Thomas, Joh 11,16), während Marta Jesus immerhin entgegen geht. Sie ist aufgebracht (Joh 11,21). Jesus weiß aber um seine Kraft, diesen Toten wieder zum Leben zu erwecken. Es handelt sich um ein Wunder mit Ansage und dazu gehört auch das Abwarten Jesu (Joh 11,11.14f). Trotzdem leidet Jesus mit, weil ihn die Trauer der Angehörigen bewegt. Die  Grausamkeit des Todes wird von ihm nicht schön geredet. Der Tod ist kein Freund sondern Gegner und Feind des Lebens und damit auch Gottes (vgl.: 4.Mos 27,16a; 1.Kor 15,26.54-57; Off 21,3f).  Beim Akt der „Auferweckung“ bezeugt Jesus ganz bewusst seine besondere Verbindung zu seinem himmlischen Vater. Das Ziel ist, den Glauben Martas und Marias sowie der Umstehenden zu stärken und öffentlich seine Macht über den Tod zu demonstrieren. Es ist der stärkste Machterweis Jesu. Sein Wort ist das Wort Gottes und macht aus toter Materie wieder ein lebendiges Wesen! Hier endet jeder medizinisch-naturwissenschaftliche Erklärungsversuch, denn der Schöpfer handelt selbst (1.Mos 1,3 u.a.; Ps 33,9; Joh 1,10). Eigentlich müsste allein aufgrund der alttestamentlichen Verheißungen klar sein, mit wem sie es bei Jesus zu tun haben. Dieses Zeichen Jesu ist ein Zugeständnis an den Unglauben der Leute und jede weitere Zeichenforderung erübrigt sich als Nachweis seiner göttlichen Vollmacht (Lk 16,31)!

Fragen

  1. Was folgt deiner Meinung nach, wenn du stirbst?
  2. Was empfindest du, wenn dir eine Todesnachricht eines näheren Angehörigen/ Freundes überbracht wird?
  3. Zeigt Jesus Verständnis für die Zweifel von Marta und Maria?
  4. Warum fällt es so schwer, an die Auferstehung der Toten zu glauben?
  5. Was wäre mit dem Glauben der Menschen heute, wenn dieses Ereignis jetzt unter Augenzeugen stattfinden würde?
  6. Was unterscheidet Jesus von „normalen“ Menschen, damit ich seinem Sieg über den Tod glauben kann?

Richtungswechsel

Nicht alles, was sich der naturwissenschaftlichen Wiederholbarkeit entzieht, (weil es sich z.B. um ein historisch einmaliges Ereignis oder eine naturwissenschaftliche Einmaligkeit, wie z.B. den dort angenommenen Urknall handelt), muss deshalb irrreal sein. Jesu Macht über den Tod, wie er es bei Lazarus kurzzeitig demonstriert hat (denn dieser ist später wieder den körperlichen Tod gestorben) zeigt sich noch deutlicher bei seiner eigenen Auferstehung. Nichts kann mehr Hoffnung über den Tod hinaus vermitteln, als die Unterstreichung der Tatsache, dass der Schöpfer des Lebens selbst die Macht über den Tod haben muss und sie ausübt, wenn man ihm sein Leben anvertraut und glaubt. Er ist weder an Zeit,  Raum noch an Materie gebunden, sonst hätte er nicht über diese Dinge verfügen, bzw. sie nicht beginnen lassen können (vgl. Hebr 11,3). Deshalb ist es nicht absurd, an ein Leben nach dem Tod zu glauben, selbst wenn man in dieses Leben wegen einer uns gesetzten dimensionalen Grenze noch keinen Einblick hat, außer dem, was Gott durch sein Wort dazu bekannt gemacht hat. Sieh deshalb den Tod nicht als das Letzte an und mache Dir Gedanken, wie du zu Gott und Jesus stehst, der dich nach deinem physischen Tod in jener Wirklichkeit als Richter oder Retter erwartet.