Galaterbrief – Einführung

Inhalt und Anliegen

Der Galaterbrief wurde von Paulus um 53 n. Chr. geschrieben und ist vermutlich sein erster Brief. Inhaltlich hat er viele Parallelen zum späteren Römerbrief. Der Galater-Brief ist im Vergleich kompakter und sehr  leidenschaftlich geschrieben. Und das hat seinen Grund. Die Gemeinden in der Region der heutigen mittleren Türkei waren noch sehr jung und im Glauben wenig gefestigt. Die Gemeinden dort entstanden überwiegend aus heidnischem Umfeld (Gal 4,8-10) mit keltischem Einfluss. Im Alten Testament gut bewanderte Juden waren hier zwar eher eine Minderheit, doch versuchten sie die fehlende Bibelkenntnis und die theologisch ungefestigte Situation für sich auszunutzen um wieder die alttestamentlichen Gesetze als Grundlage des Glaubens zu etablieren. „Heidenchristen“ gerieten dadurch in Gefahr zu Christen zweiter Klasse degradiert zur werden. Paulus hat davon in einer Zeit erfahren, in der er selbst sehr stark gegen einen Rückfall der jüdischen Christen in die alte „Gesetzlichkeit“ kämpfen musste. Es war die turbulente Zeit um das sogenannte Apostel-Konzil zu Jerusalem (Apg 15). Dort musste endlich offiziell Klarheit bzgl. des neuen Bundes geschaffen werden, den Jesus durch seinen Opfertod am Kreuz eingesetzt hatte. Weil die Menschen grundsätzlich nicht in der Lage sind, Gottes Gebote aus eigener Kraft umfassend zu befolgen, will Gott nur denjenigen gerecht sprechen, der an Jesus und dessen stellvertretendes Opfer glaubt. Paulus wollte in dieser Frage keinen geistlichen Rückschritt zulassen, weil er als gebildeter jüdischer Schriftgelehrter von Jesus selbst eines Besseren belehrt wurde (Apg 9,1-19). Ein Rückfall in die alte „Gesetzlichkeit“ wäre einer Missachtung der Rettungstat Jesu gleichgekommen. In dieser Angelegenheit war Paulus so engagiert, dass er sich sogar mit Petrus anlegte und diesem Heuchelei aus falscher Rücksicht den Juden gegenüber nachwies (Gal 2,11-14). Petrus bekam ebenfalls direkt vom auferstandenen, nun aus der himmlischen Welt regierenden Jesus eine wichtige Lektion erteilt. Nämlich, dass jeder gerettet ist der an Jesus glaubt, egal ob mit jüdischem oder heidnischem Hintergrund (Apg 10,1-11,18).

Wer sind die Galater?

Es gibt einen interessanten Zusammenhang zwischen den Galatern und den Kelten, die in diese Region eingewandert waren. Der Begriff Galater ist mit dem Begriff Gallier verwandt. Diese waren ein keltischer Stamm im Norden Frankreichs. Wie sind Kelten nach Galatien gekommen? Alexander der Große wurde im 4. Jhd. v. Chr. im Westen nachhaltig von den Kelten gestoppt, weshalb er große Achtung vor ihnen hatte. Die Kelten dort im ethnographischen Sinn waren: Tectosagen, Tolistoagier und Trocmer (Theodor Zahn, Kommentar zum Galaterbrief, S.10). Später (um 275 v. Chr.) lädt der Bithynier-König Nikomedes I keltische Krieger ein, um mit ihm gegen die Nachfahren Alexanders des Großen (Seleukiden) vorzugehen. Es folgt eine verwirrende Geschichte in den betreffenden Landstrichen der heutigen Nordwest-Türkei, wobei schließlich alle Versuche der Kelten scheiterten, sich dort als eigenständiges Volk zu etablieren. Die Kelten galten als sehr kriegerisch aber auch als Hochkultur, obwohl sie keine Schriftkultur pflegten. Dass es sich bei den Kelten und deren Nachfahren nicht um wilde primitive Horden gehandelt hat, wie früher angenommen, bezeugen zahlreiche Funde vor allem in Süddeutschland. Auch in Galatien dürften sie eher zur Oberschicht gehört haben.Was blieb, waren die Galater als Teil der dort ansässigen Bevölkerung, sowie die spätere römische Provinz Galatien.

Nordgalatien-Theorie: Es könnte sich bei der Bezeichnung „Galatien“ um den eher nördlich gelegenen Landstrich mit der angesprochenen keltischen Besiedlungsgeschichte und der dort ansässigen Bevölkerungsgruppe handeln. 

Südgalatien-Theorie: Für diese Ansicht spricht sehr viel mehr, denn es war zur Zeit des Paulus üblich, mit „Galatien“ die südlichere römische Provinz zu bezeichnen, die nur zum Teil keltische Bevölkerungsteile erfasste. Vor allem benutzen Petrus und Paulus (im Gegensatz zu Lukas) immer die römischen Provinz-Bezeichnungen. Es war während der römischen Kaiserzeit allgemein üblich, die Bewohner nach Städten und Bezirken und nicht nach ihrer ethnischen Zusammensetzung zu benennen. Paulus spricht deshalb auch von Korinthern und Philippern. In 1.Kor 16,1 spricht Paulus von Gemeinden in Galatien, was für die Provinz und nicht für eine Bevölkerungsgruppe spricht. Petrus erwähnt Galatien ebenfalls in dieser Form (1.Petr 1,1). Die Römer gründeten diese Provinz um 25 v. Chr., weshalb es bereits lange Zeit üblich war, diese Gegend als Galatien zu bezeichnen. Die größere Provinz Galatien, enthielt Gebiete von Ost-Phrygien, Lykaonien und Pisidien (die Lukas anstatt der Provinz als Landstriche erwähnt). Hauptort war das heutige Ankara.

Paulus und die Galater

Folgende Gemeinden in der Region hatte Paulus auf seiner 1. Missionsreise besucht: Ikonion, Lystra, Derbe, Antiochia in Galatien. Damit ist auch geklärt, wieso Paulus den Galaterbrief an mehrere Gemeinden schrieb.

Dass Paulus vor der Verfassung des Briefes in Galatien war, kann man seinen Äußerungen im Brief entnehmen, denn er spricht von seiner Aufnahme bei den Galatern (Gal 4,14) und von „Kindern, die er geboren hat“ (Gal 4,18-20). Lt. Theodor Zahn (Kommentar zum Galaterbrief, S.3) ist Gal 4,13 („das Evangelium gepredigt beim ersten Mal“) außerdem ein Hinweis auf die mindestens zweimalige Anwesenheit des Paulus in den Gemeinden vor seinem Brief! Paulus hat also bereits seine erste Missionsreise hinter sich. Möglicherweise ist der Galaterbrief der erste Brief des Paulus und wurde um 53 n. Chr., evtl. sogar noch vor dem Apostelkonzil (Apg 15), geschrieben. Es geht Paulus in erster Linie darum, den Galatern zu zeigen, dass sie vollwertige Mitglieder der Gemeinde Jesu sind und dass sie sich nicht durch theologische Verführer von ihrem Weg mit Jesus abbringen lassen sollen. Um das auf die Distanz zu erreichen, schreibt er den betroffenen Gemeinden den Galaterbrief als eine Art „Glaubens-Grundkurs“.