Moses Geburt und antike Hebammen

Exodus 1,15-2,10

 

1,15 Und der König von Ägypten sprach zu den hebräischen Hebammen, von denen die eine Schifra hieß und die andere Pua: 16 Wenn ihr den hebräischen Frauen helft und bei der Geburt seht, dass es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist’s aber eine Tochter, so lasst sie leben.

17 Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Kinder leben. 18 Da rief der König von Ägypten die Hebammen und sprach zu ihnen: Warum tut ihr das, dass ihr die Kinder leben lasst?

19 Die Hebammen antworteten dem Pharao: Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sind kräftige Frauen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren. 20 Darum tat Gott den Hebammen Gutes. Und das Volk mehrte sich und wurde sehr stark. 21 Und weil die Hebammen Gott fürchteten, segnete er ihre Häuser. 22 Da gebot der Pharao seinem ganzen Volk und sprach: Alle Söhne, die geboren werden, werft in den Nil, aber alle Töchter lasst leben.

2,1 Und es ging hin ein Mann vom Hause Levi und nahm ein Mädchen aus dem Hause Levi zur Frau. 2 Und sie ward schwanger und gebar einen Sohn. Und als sie sah, dass es ein feines Kind war, verbarg sie ihn drei Monate. 3 Als sie ihn aber nicht länger verbergen konnte, machte sie ein Kästlein von Rohr und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästlein in das Schilf am Ufer des Nils. 4 Aber seine Schwester stand von ferne, um zu erfahren, wie es ihm ergehen würde. 5 Und die Tochter des Pharao ging hinab und wollte baden im Nil, und ihre Gespielinnen gingen am Ufer hin und her. Und als sie das Kästlein im Schilf sah, sandte sie ihre Magd hin und ließ es holen. 6 Und als sie es auftat, sah sie das Kind, und siehe, das Knäblein weinte. Da jammerte es sie und sie sprach: Es ist eins von den hebräischen Kindlein. 7 Da sprach seine Schwester zu der Tochter des Pharao: Soll ich hingehen und eine der hebräischen Frauen rufen, die da stillt, dass sie dir das Kindlein stille? 8 Die Tochter des Pharao sprach zu ihr: Geh hin. Das Mädchen ging hin und rief die Mutter des Kindes. 9 Da sprach die Tochter des Pharao zu ihr: Nimm das Kindlein mit und stille es mir; ich will es dir lohnen. Die Frau nahm das Kind und stillte es. 10 Und als das Kind groß war, brachte sie es der Tochter des Pharao, und es ward ihr Sohn und sie nannte ihn Mose; denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen. (Luther 1984)

Situation

Die Unterdrückung nimmt immer brutalere Züge an. Der ägyptische Pharao ordnet den Kindesmord an. Wie bei Diktatoren üblich, macht er sich nicht selbst die Hände schmutzig, sondern fordert ausgerechnet von hebräischen Hebammen, männliche Neugeborene zu ermorden. Durch die Initiative verschiedener Frauen bereitet Gott die Rettung des neugeborenen Mose in einer schier aussichtslosen Lage vor.

Erklärungen zum Text

Mose ist das Kind zweier Leviten. Levi, der Stammvater war (ähnlich wie Simeon) für seine Grausamkeit bekannt (1.Mos 34,25; 49,5). Levi war der Sohn Leas u. Jakobs (=Israel). Die Leviten wurden später von Gott zum Priestergeschlecht ohne eigenes Land bestimmt (5.Mos 12,12; Jos 14,4). Die Eltern von Mose hießen Amram und Jochebed (2.Mos 6,20). Jochebed war gleichzeitig Frau und Tante Amrams. Der Name „Mose“ wurde von der Pharaonentochter als ägyptischer Name gewählt und bedeutet: „der aus dem Wasser Gezogene“. Auch nach dem Exodus wird er nicht geändert. Damit wird allein schon durch den nicht hebräischen Namen „Mose“, die Erinnerung an die dramatischen Ereignisse des Auszuges der Israeliten aus Ägypten wach gehalten!

Interessant ist die Rolle, die die Frauen in dieser Geschichte spielen: Zwei hebräische Hebammen, Schifra und Pua verweigern den Mordbefehl des Pharao! Dann denkt sich die Mutter des Mose eine List aus, wie sie ihn am Leben halten könnte und zieht den Plan gemeinsam mit ihrer Tochter Miriam durch. Offensichtlich war ihr auch bekannt, dass die Tochter des Pharao regelmäßig nilabwärts badete. Jochebed setze das Körbchen mit dem kleinen Mose also sehr gezielt aus, während Miriam es am Ufer begleitete. Und schließlich handelt die Tochter des Pharao sehr barmherzig bei hohem persönlichem Risiko! Obwohl sie zu Recht vermutet, dass es sich um ein hebräisches Kind handelt, stellt sie sich gegen den Befehl ihres Vaters. Sie kann sogar die Adoption und Erziehung des Mose im Haus des Pharao bewirken! Die Bemerkung, dass es sich bei Mose um ein „feines Kind“ handelte (2,2) ist als schmerzliche Feststellung der Mutter angesichts des drohenden Todes ihres neugeborenen Kindes zu verstehen. Es darf nicht sein, dass ein so fein geschaffener kleiner Mensch der Willkür eines machtbesessenen Pharao zum Opfer fällt. Diese Aussage kann sicher nicht bedeuten, dass Jochebed alle anderen von ihr geborenen Söhne hat umbringen lassen, weil sei weniger „fein“ waren. Aus 2.Mos 2,2-4 kann man ableiten, dass Mose der erste Sohnes seiner Eltern war. Miriam, seine ältere Schwester, war bereits einige Jahre alt. Aaron dürfte der jüngere Bruder des Mose sein (vgl. 2.Mos 7,1) der den Mordbefehl des Pharao ebenfalls überlebte, weshalb der Rettungsversuch der Mutter im Falle des Mose offensichtlich nur der erste war.

Die „Ausrede“ der Hebammen kann trotz der positiven Beurteilung ihrer Einstellung nicht simpel als allgemeine Legitimation für Notlügen verwendet werden! Das wäre dogmatische Spitzfindigkeit. Diese Hebammen werden nicht wegen ihrer Notlüge gesegnet, sondern weil sie zu Recht das Leben der Kinder retten wollten! Bei der Auslegung solcher Texte müssen immer auch das biblische Gesamt-Zeugnis und die übergeordneten Aussagen beachtet werden, bevor man eine allgemeine biblische Ethik formuliert. Im Fall der Lüge gilt generell das spätere Gebot am Sinai und die Tatsache, dass Gott selbst in keiner Form ein Lügner ist (4.Mos 23,19). Er setzt die Maßstäbe für Wahrhaftigkeit und Treue und ist dabei das krasse Gegenteil des Teufels, den Jesus als Vater der Lüge bezeichnet (Joh 8,44). Lüge ist prinzipiell auch die Notlüge. Deren Beurteilung steht uns Menschen im Ernstfall einer großen Gewissensnot der Betroffenen nicht zu! Im Falle der Hebammen muss unbedingt bedacht werden, dass das Gebot aus Ex 20,16 noch nicht gegeben war und dass es sich um eine ethische Extremsituation handelte. Die Hebammen waren darüber hinaus einfache Leute, die bzgl. ihrer Erkenntnis von Gut und Böse nach dem Wesentlichen ihres Handelns beurteilt wurden – und zwar von Gott selbst. Sie tragen dabei auch eine andere Verantwortung als sie z.B. ein „Schriftgelehrter“ hätte tragen müssen (vgl. Jak 3,1). Es geht also um die geistliche Beurteilung der generellen Haltung dieser Hebammen und nicht um das Detail ihrer Notlüge im Gesamtrahmen ihres Handelns. Sie achteten das von Gott geschenkte Leben Neugeborener und damit Gott selbst mehr, als den Befehl eines „durchgeknallten“ Diktators (vgl. Apg 4,19; 5,29). Dass sie dabei zum Mittel der Notlüge griffen, steht hierbei nicht im Fokus der Bewertung und des nachfolgenden Segens (Vers 21)! Die Notlüge bewirkte nämlich keinerlei Besserung der Verhältnisse.  Der Pharao wird durch den zivilen Ungehorsam der Hebammen nicht  umgestimmt. Er lässt stattdessen sein eigenes  Volk die grausame Selektion hebräischer Kinder vollstrecken! Diese Tatsache unterstreicht, dass nicht der plumpe Täuschungsversuch, sondern die Gottesfurcht der Hebammen positiv bewertet wird. Sie wollten keine Mörderinnen der ihnen anvertrauten Kinder werden und begriffen darin ihre besondere Verantwortung!

Das spätere Gottesgericht am ägyptischen Volk, zugespitzt in der zehnten Plage (Ex 11,5), muss auf diesem Hintergrund gesehen werden. Auch König Herodes bediente sich Jahrhunderte später im Zusammenhang mit der Geburt Jesu dieses grausamen Mittels, um seine Macht zu erhalten (Mt 2,16).

Exkurs: Die schriftliche Fixierung des Bibeltextes: Mose wird hebräisch geprägt und ägyptisch gebildet. Es ist kein Zufall, dass er damit besonders geeignet ist, die Worte Gottes schriftlich zu fixieren – zumindest das, was vor ihm noch nicht festgehalten war. Mose konnte schreiben! Von Josef ist das ebenfalls anzunehmen, weil er eine sehr hohe Stellung in dieser Kultur hatte! Möglicherweise konnten dies auch Abraham und dessen Vorfahren (Keilschrift, Mesopotamien) schon. Die manchmal verbreitete Ansicht, das Alte Testament sei erst im oder nach dem babylonischen Exil als Heilige Schrift festgehalten worden, ist nicht haltbar!

Fragen

  • Was wird von Gott bei den Hebammen konkret positiv bewertet?
  • Ist die Notlüge durch die Geschichte mit den Hebammen biblisch legitimiert? Was bringt diese spezielle Notlüge im Endeffekt?
  • Wodurch zeichnen sich die verschiedenen Frauen rund um die ersten Lebensjahre des Mose aus?
  • Gottes Handeln und eigene Planung muss sich nicht widersprechen. Inwiefern wird das an dieser Geschichte vor allem bei der Mutter des Mose deutlich?

Richtungswechsel

Zivil-Courage ist gefragt! Besonders überzeugte Christen sollten dazu fähig sein. Wer in Gott fest gegründet ist und sich durch das Lesen der Bibel mit seinem Willen mehr und mehr vertraut macht, der kann in schwierigen Lagen gute Entscheidungen gegen den üblichen Trend fällen. Gottesfurcht verhindert unguten Opportunismus.