Petrus spezial: Evangelium für Geister und Tote?

1.Petr 3,19, 4,6 und 2.Petr 2,4-6

 

1.Petr 3,19: In ihm (dem Geist Gottes) ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis.

1.Petr 4,6: Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise das Leben haben im Geist.

2.Petr 2,4-5(6)  Denn Gott hat selbst die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis in die Hölle gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden; und hat die frühere Welt nicht verschont, sondern bewahrte allein Noah, den Prediger der Gerechtigkeit, mit sieben andern, als er die Sintflut über die Welt der Gottlosen brachte. (Lu 84)

Frage: Wer sind die …

•    … Geister im Gefängnis (1.Petr 3,19)
•    … Toten, denen das Evangelium verkündet wurde (1.Petr 4,6)
•    … nicht Verschonten (2.Petr 2,4-6)

Situation

In 1.Petr 3,18-22 beschreibt Petrus noch einmal kurz und knackig, was Jesus zur Rettung der Menschen getan hat, wie dies geschah und worauf diese abzielt: „damit er euch zu Gott führte“. Es geht um nichts Geringeres, als um die Überwindung der Kluft, die seit der Urzeit zwischen dem Schöpfer und seinen ihm zum Bilde geschaffenen Geschöpfen durch den Sündenfall aufgetreten ist (Gen 1,27; 3,15). Um die globale Bedeutung dieser Tat Jesu hervorzuheben, rückt Petrus zum Vergleich den aussichtslosen Zustand der gottlosen Menschheit zur Zeit Noahs und in seinem zweiten Brief zusätzlich die spätere Zeit Sodoms und Gomorras ins Blickfeld. Beide Ereignisse halten uns vor Augen, dass wir es mit dem höchsten Richter und nicht mit einem irgendwie „lieben Gott“ zu tun haben, der gerne mal ein Auge zudrückt. Die Kernaussage dieser schwierigen Text-Passagen ist also eine grundsätzliche: Jesus Christus hat das den Menschen gebührende Gerichtsurteil Gottes auf sich genommen und rettet (wie damals die Arche) diejenigen, die diesem von Gott dem Vater selbst bestimmten „Rettungsmittel“ Vertrauen schenken. Verschont werden nur diejenigen, die bei Jesus „einsteigen“. Damit hat das Evangelium eine sehr ernste Seite und ist gleichzeitig exklusiv. Einen anderen Weg zu Gott gibt es auch heute nicht (Joh 3,18.36; 14,6; Apg 4,12)! Diese „Einseitigkeit“ und das erforderliche Eingeständnis des Menschen, sich keinen eigenen Weg zur Versöhnung mit Gott erdenken und gehen zu können, führt in unserer „aufgeklärten“ Welt, die „Unabhängigkeit“ anstrebt, häufig zu Unverständnis und Ablehnung, obwohl gerade in Jesus Christus, Gottes Liebe zu den Menschen vollkommen deutlich wird!
Wer diesen Sinn der angesprochenen Passagen im Petrusbrief erfasst hat, hat das Wesentliche begriffen, selbst wenn die von Petrus verwendeten Zuordnungen im Detail des Textes schwer zu begreifen sind.
Die Verse 1.Petr 3,19f, 1.Petr 4,6 und 2.Petr 2,4f sind also trotz verständlicher Allgemein-Aussage, die sich durch den Kontext erschließt, nicht eindeutig in ihrer Begrifflichkeit oder in ihrer zeitlichen Zuordnung zu klären. So bleiben bei allen Deutungsmöglichkeiten leider auch Verständnis-Probleme bestehen.

Erklärung zum Text: verschiedene Verständnis-Möglichkeiten

a)    Die Arche wird von Petrus als Metapher für den rettungsbedürftigen Zustand der gefallenen Welt und der in ihr gefangenen, erlösungsbedürftigen Gottlosen verstanden. Die „Geister“ in 1.Petr 3,19 sind Menschen. Das „Gefängnis“ dort und die „Toten“ in 1.Petr 4,6 sind „geistlich Tote“ zu allen Zeiten und so ist auch 1.Petr 4,6 generell und zeitlich nicht begrenzt zu verstehen. Es geht darum, durch das Evangelium Menschen aus diesem „Gefängnis“ zu befreien und geistlich zum Leben zu erwecken (vgl. Eph 2,1).

b)    Mit den Toten in 1.Petr 4,6 sind sowohl gläubige als auch ungläubige Menschen gemeint, die gestorben sind bevor Christus den Tod besiegt hat. Die Toten sind tatsächlich in der Vergangenheit Verstorbene und kein Bild für Menschen die „tot in Sünden“ leben. Jesus ist nach seiner Kreuzigung („im Geist“ gemäß 1.Petr 3,18f) ins Totenreich gegangen (nach altkirchlichem Verständnis eine Art „Vorhölle“), um diesen im „alten Bund“ verstorbenen Menschen seinen Sieg über Tod und Teufel zu verkünden. Von da leitet sich vermutlich die Formulierung „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ aus dem apostolischen Glaubensbekenntnis ab. Den Gläubigen aus alttestamentlichen Zeiten geschah diese Proklamation zwecks Bestätigung ihrer Rettung, da das Opfer Christi nun nachträglich und stellvertretend auch für sie gilt (vgl. Hebr 10,4.14). Den Menschen, die zur Zeit Noahs „ungehorsam“ waren (1.Petr 3,20), wurde damit diese – im Vergleich zur Arche – noch viel größere Rettungsaktion Gottes beschämend vor Augen geführt. Strittig ist dabei, welche Möglichkeit ihnen damit evtl. sonst gegeben ist. Bei der „Predigt für die Toten“ wird gerne die Option gesehen, dass die ursprünglich „ungehorsamen“, ungläubigen Menschen nun nachträglich noch einmal die Chance zur Umkehr bekamen. Die Formulierung „aber das Leben haben im Geist“ in 1.Petr 4,6 scheint dies zu unterstützen (vgl. 1Kor 5,5 – der körperliche Tod/ Schaden als kleineres Übel), wenn sie denn überhaupt mit 1.Petr 3,19f in unmittelbare Verbindung gebracht werden darf. Daraus folgt die beliebte und noch weiterführende Deutung, dass alle Menschen bis zur Wiederkunft Jesu, die zu Lebzeiten nie das Evangelium hören konnten, im „Totenreich“ noch eine Chance zur Umkehr bekommen. Im Extremfall wird diese Hoffnung zu einer „Allversöhnung“ ausgebaut, die sogar die Rettung Satans und der Dämonen („gefallene Engel“) einschließt. Auch die vorsichtigere Variante einer „Chance“ nach dem Tod bleibt exegetisch fragwürdig und kann sicher nicht ausreichend mit diesen schwer deutbaren „Petrus-Versen“ begründet werden! Den verstorbenen Ungläubigen (die Ungehorsamen nach 1.Petr3,20) bleibt viel eher nur das bittere Eingeständnis ihrer endgültigen Verlorenheit. Das wird in den Ausführungen von 2.Petr 2,1-9 deutlich unterstrichen. Die „Geister im Gefängnis“ (1.Petr3,19), die „nicht Verschonten“ (2.Petr 2,4) und zumindest 1.Petr 4,5 beschreiben im Zusammenhang mit dem letzten Gericht, diejenigen, die Gottes Verurteilung befürchten müssen. „Gefängnis“ (1.Petr 3,19 ) und „Hölle“ (2.Petr 2,4) stehen jeweils für unerfreuliche Aufenthaltsorte der toten Ungläubigen, als auch des Teufels und der Dämonen, die alle auf ihr letztes Urteil warten  (vgl. Abgrund: Hiob 26,6: Abgrund = Totenreich; Off 9,1f; 9,11 [Engel od. König des Abgrunds Abaddon]; Off,20,1). Auch die schwer erklärbaren „Gottessöhne die mit den Menschentöchtern schliefen“ (Gen 6,1ff) könnten mit inbegriffen sein. Zu diesen allen „steigt“ Jesus „hinab“ (1.Petr 3,18) um ihnen wohl eher das „endgültige Aus“ anstatt einer zweiten Möglichkeit zur Umkehr zu verkünden. In 1.Petr 4,6 ist die Ausnahme nur im Hinblick auf diejenigen genannt, die dem Evangelium zu Lebzeiten gehorchten, also gläubig waren (vgl. 2. Thess 1,4-10).  Die „Toten“ müssen dann als ehemals Lebende verstanden werden, denen als Lebende das Evangelium verkündet wurde und die erst jetzt zur Zeit der Abfassung des Briefes Tote, also Verstorbene sind – Verstorbene, die jedoch aufgrund ihres Glaubens das „Leben im Geist“ haben.

c)    Die Toten in 1.Petr 4,6 müssen unbedingt unabhängig von den Passagen 1.Petr 3,18ff und 2.Petr 2,4ff gesehen werden. Nur die beiden letztgenannten Texte sprechen vom „Schicksal“ der verlorenen Ungläubigen und Geistwesen, die lediglich noch die Proklamation des Sieges Christi zur Kenntnis nehmen können, ohne die Option zur Umkehr und Buße zu haben (entsprechend den Verlorenen in Variante b.). Die Toten in 1.Petr 4,6 sind Menschen, die nach Jesu Auferstehung gelebt haben und zur Zeit der Abfassung des Briefes bereits verstorben waren. Petrus meint hier nicht alle „im alten Bund“ verstorbenen Menschen wie in Variante b).  Sie sind auch nicht wie in Variante a) als sinnbildlich „Tote“ aller Zeiten zu verstehen! Diesen vor Kurzem verstorbenen Menschen wurde in bereits neutestamentlicher Zeit das Evangelium verkündet (z.B. durch die Apostel), damit sie daraufhin zum Glauben finden konnten. Den Gläubigen unter ihnen (von denen Petrus hier in erster Linie spricht) gilt die Verheißung des ewigen Lebens „im Geist“ (Vers 6) und zwar unabhängig davon, dass sie den körperlichen Tod sterben mussten. Dieser körperliche Tod bleibt Christen trotz Rettung zum ewigen Leben i.d.R. ja nicht erspart! Nach Fritz Rienecker u.a. sind die Toten in Vers 6 also die Gläubigen unter den Toten von Vers 5! Die Neue Genfer Übersetzung spiegelt diese Auffassung deutlich wieder:
„Deswegen war es nämlich auch nicht umsonst, dass denen von uns, die inzwischen gestorben sind, das Evangelium verkündet wurde. Es wurde ihnen verkündet, damit sie jetzt nach Gottes Plan ein Leben im Geist (Anm.: also nach ihrem körperlichen Tod) führen können, auch wenn sie – was ihr irdisches Leben betrifft – nach Gottes Urteil sterben mussten, wie das bei allen Menschen der Fall ist.“
Der Ausdruck „nach Menschenweise gerichtet“ (oder auch „nach Art und Weise der Menschen gerichtet“) fällt hier im Vergleich zu den üblicherweise für das Gericht Gottes verwendeten Begriffen besonders auf (vgl. Vers 5). Vielleicht bedeutet „Menschenweise“ einfach nur, dass es den Betroffenen wie allen Menschen ergeht, die sterben müssen. So gibt es zumindest die Neue Genfer Übersetzung wieder. Vielleicht hat Petrus jedoch speziell die Märtyrer unter den Christen im Blick, die zwar „nach Menschenweise gerichtet wurden im Fleisch“ aber denen der körperliche Tod nicht das ewige Leben streitig machen kann (Mt 10,28; 2.Thess 1,4-10 ). Da das Leiden um Christi Willen in seinem 1. Brief eine wichtige Rolle spielt, ist dieser Gedanke durchaus naheliegend um den Hinterbliebenen und den betroffenen Gemeinden Mut und Trost zuzusprechen!
Eine Einschränkung bei dieser ansonsten schlüssig erscheinenden Auslegungsvariante gibt es jedoch: Wenn es insgesamt in 1.Petr 4,6 um die in jüngster Vergangenheit verstorbenen oder hingerichteten Christen geht, müsste das „gerichtet werden im Fleisch“ als bereits vergangen verstanden werden, was jedoch bei der gewählten grammatischen Form schwierig ist.  Es müsste eindeutiger heißen: „… dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet wurden im Fleisch, …“, doch Petrus schreibt „gerichtet werden“! Dies legt wieder mehr einen Zusammenhang mit dem letzten Gericht nahe, das er in Vers 5 einleitend anspricht. Es können deshalb Zweifel an der Richtigkeit dieser Deutung nicht ganz ausgeräumt werden.

Fazit

Es scheint sinnvoll 1.Petr 4,6 nicht in einen zu engen Zusammenhang mit den beiden andern Passagen zu stellen. Mit den Toten in 1.Petr 4,6 sind höchstwahrscheinlich wirklich Verstorbene gemeint und diese wären dann nicht im übertragenen Sinne als „geistlich Tote“ zu verstehen. Entscheidend in diesen Texten sind die tröstlichen Komponenten für bedrohte oder verfolgte Christen, weil sie auf der Seite des Siegers stehen. Denn niemand, weder in Vergangenheit noch Zukunft kann sich Gottes gerechtem Urteil entziehen. Dennoch ist es Gottes generelle Absicht Menschen zu retten. Diejenigen, die den einzigen durch Gott  legitimierten Retter Jesus Christus annehmen und dadurch mit ihm versöhnt sind, haben sicher das ewige Leben und brauchen weder den körperlichen Tod, noch den Teufel und seine Angriffe, noch Gottes letztes Gericht zu fürchten.