Umgang mit Leid und Bedrängnis

1. Petrus 3,8-17

 

8 Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. 9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, daß ihr den Segen ererbt. 10 Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, daß sie nichts Böses rede, und seine Lippen, daß sie nicht betrügen. 11 Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. 12 Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun«. 13 Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? 14 Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; 15 heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist,16 und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. 17 Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, daß ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen. (LU84)

Allgemeine Situation

Nachdem Petrus die Unterordnung der Christen unter staatliche Gewalten (2,13), die Unterordnung der Hausknechte unter die Hausherren (2,18-21) und die Unterordnung der Frauen unter die Männer (3,1-7) als angemessenes Verhalten nach dem Vorbild von Jesus aufgezeigt hat (vgl. 3,18-22),  leitet er die Christen an, wie sie sich in der Verfolgungssituation verhalten sollen.

Von einer Auseinandersetzung an zwei Fronten raten Strategen meist ab. Deshalb hat Petrus zuerst den Umgang der Christen untereinander im Blickfeld. Wer seine Kraft in gemeindeinternen Zwistigkeiten verliert, der hat kaum Kraft, um der Verfolgung zu begegnen. Als neues Volk Gottes sind Christen dazu aufgefordert, den empfangenen Segen an andere weiterzugeben. Dies kann nur geschehen, wenn man die Menschenfurcht ablegt und fortwährend bereit ist, den persönlichen Glauben zu bezeugen und zu verteidigen.

Erklärung zum Text

Eine Einheit im Geist und Denken, brüderliche Liebe, Demut und Mitleid, das die Sorgen des Anderen zu den eigenen werden lässt und dadurch auch emotionale Verbundenheit entstehen lässt, bilden die „horizontale Perspektive“  für die Gemeinde. Dort, wo man gemeinsam Leid erträgt, wird ein innergemeindlicher Wettkampf verhindert und sind die Voraussetzungen gegeben, sich um die Schwachen und Verfolgten zu kümmern. Die gemeinsame Ausrichtung auf den Herrn und seinen Willen, sowie die geschwisterliche Liebe der Jünger untereinander sollen wie bei den ersten Jüngern (Joh. 13,34) Kennzeichen der Menschen, die Jesus nachfolgen, sein. Wie bei Jesus selbst soll Demut, die eigene Interessen hinter die Interessen des anderen zurückstellt, ein „Markenzeichen“ der Gemeindeglieder sein.

Weil die Gemeinde in einer Verfolgungssituation steht, muss sie mit Opposition rechnen. Diesem (bösen) Widerstand sollen die Christen nicht mit gleichen Maßstäben begegnen („Auge um Auge, Zahn um Zahn“), sondern sich bewusst machen, dass sie Gesegnete des Herrn sind, die  aufgefordert sind diesen Segen weiterzugeben.

Das in V.10-12 folgende Zitat aus Pslam 34 gibt ein Rezept für ein gelingendes Leben. Wer böses tut, von dem wendet sich Gott ab, wer sich jedoch vom Bösen abwendet und den Frieden als Ziel hat, der darf mit Gottes Zuwendung rechnen, ja der darf damit rechnen, dass Gott dessen Hilferuf und Gebet erhört. Deshalb sollen die Christen in der Leidenssituation nicht denken, dass Gott sich „zurückgezogen“ hat, sondern, dass er inmitten der Not gegenwärtig ist.

Die Verfolgung der Christen ist rationell nicht zu verstehen, findet aber statt. Gerade aber, weil die Christen unschuldig sind sollen sie sich nicht vor den Drohgebärden der Machthaber fürchten. Ihr Denken und Fühlen (Herz) soll im Vertrauen auf Christus gegründet sein, der die Macht und Kontrolle über die Situation und Menschen hat. Deshalb soll die Gottesfurcht von der Menschenfurcht befreien.

Für Petrus ist es aber nicht nur wichtig, dass die Christen ohne Angst vor den Verfolgern leben, sondern, dass sie vorbereitet sind,  zu ihrem Glauben und den falschen Anschuldigungen Stellung zu beziehen und sich zu verteidigen (Apologetik). Die Christen sollen jederzeit vorbereitet sein, auf angemessene Weise den Grund ihrer Glaubenshoffnung zu erklären. Dieses Weitergeben der Glaubenshoffnung soll dazu führen, dass die Gegner des Glaubens durch das Verhalten der Christen ins Nachdenken kommen und durch den Inhalt der Botschaft als Jesus- Nachfolger gewonnen werden. Bei allen Verleumdungen sollen die Christen ein gutes Gewissen behalten und dort, wo Gott es zulässt, auch bereit zu sein, für das Gute zu leiden.

Fragen

1. Ist uns die Anwendung der „Liebesregel“ (V.8) aus unseren Gruppen und Gemeinden bekannt? Was könnte helfen, ein stärkeres Bewusstsein für diese Ziele in unseren Kreisen zu ermöglichen?

2. Haben wir unser Reden im Griff (V.9), damit wir nicht an anderen oder der Wahrheit schuldig werden? Wie gehen wir damit um, wenn wir in den in V.8+9 erwähnten Punkten schuldig geworden sind?

3. Heilig ist ein kultischer Begriff, der Gott selbst und die für ihn ausgesonderte Dinge, Personen oder Orte beschreibt. Wie können wir uns das „Heiligen von Jesus in unserem Herzen“ vorstellen? Wie hängen die Ausrichtung auf Jesus und Furcht vor den Menschen zusammen?

4. In Ländern mit Verfolgung trauen sich Christen teilweise nicht mehr, ihren Glauben zu bezeugen. Das ist menschlich verständlich, weil damit der Druck auf die Christen nicht weiter herausgefordert wird. Welchen Hinweis gibt Petrus den Christen, die damals unter Verfolgung litten und was bedeutet das für uns heute?

Richtungswechsel

Wer Jesus Christus nachfolgt, muss damit rechnen, dass er um des Glaubens willens benachteiligt oder verfolgt wird. In Glaubensfragen können auch Systeme mit humanistischen Idealen schnell an die Toleranzgrenzen stoßen und sich dann sehr intolerant verhalten. In solchen Situationen sind wir als Jesus-Nachfolger dazu aufgefordert, nicht mit denselben Mitteln und Methoden „zurückzuschlagen“. Die Gemeinschaft mit anderen Christen stärkt uns und verhilft uns dazu, innerlich auf Jesus ausgerichtet zu sein und die Angst vor den Glaubensgegnern abzulegen. Diese Angst soll dem (Glaubens)Mut weichen und schafft somit die Voraussetzung zum Zeugnis für. Auch wenn wir nicht mit Verfolgung rechnen müssen, stellt sich die Frage, ob wir immer dazu bereit sind?