Gnade verändert

1.Petrus 2,4-10. 5,10-14

 

2,1 So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede 2 und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, 3 da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. 4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. 6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, 8 ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Psalm 118,22; Jesaja 8,14); sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. 9 Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; 10 die ihr einst »nicht ein Volk« wart, nun aber »Gottes Volk« seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid.

5,10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. 12 Durch Silvanus, den treuen Bruder, wie ich meine, habe ich euch wenige Worte geschrieben, zu ermahnen und zu bezeugen, dass das die rechte Gnade Gottes ist, in der ihr steht. a13 Es grüßt euch aus Babylon die Gemeinde, die mit euch auserwählt ist, und mein Sohn Markus. 14 Grüßt euch untereinander mit dem Kuss der Liebe. Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid!

Situation

Die Empfänger des Briefes waren keine Muster-Christen, sonst müsste Petrus  keine solchen mahnenden Worte schreiben. Es ist aber wunderbar zu sehen, wie feinsinnig und liebevoll er versucht, die Adressaten zu motivieren, das zu leben, was sie glauben und sich dabei an die Grundlage aller christlichen Lebensweise zu erinnern: an Jesus Christus selbst! Das Bild vom „Stein des Anstoßes“  bekräftigt die Herausforderung, die damit verbunden ist.

Erklärung zum Text

Diese Text-Passage ist „keine leichte Kost“, weshalb ausnahmsweise etwas ausführlichere Erklärungen zu einzelnen Ausschnitten folgen:

Zu Kap. 2,8:  „… wozu sie auch bestimmt sind“ – Was bedeutet das? Gibt es Menschen, die dazu vorherbestimmt sind, nicht zu glauben, bzw. nicht glauben zu können, selbst wenn sie wollten? Wie passt das mit 1.Tim 2,4 oder Joh 3,16 zusammen? In diesem Zusammenhang sei ausdrücklich erwähnt, dass der biblische Begriff „Ungläubige“ kein Begriff ist, der den Menschen abwertet oder ihm seine Würde abspricht, denn auch als „Ungläubiger“ ist er Gottes geliebtes Geschöpf. Der Begriff ist vielmehr eine tragische Zustandsbeschreibung der sündenfallbedingten Trennung von Gott (Gen 3,4-6) der generell auf alle Menschen zutrifft, jedoch die dringliche Rettung aus diesem Zustand im Blick hat. Dieser Zustand ist immerhin der Anlass für Gottes gesamtes Engagement im Rahmen der sogenannten „Heilsgeschichte“.

Sind nun die Ungläubigen dazu bestimmt (Vers 8), „nicht an das Wort zu glauben“ (nach 1.Petr 3,1 Synonym für den Unglauben!) also ungläubig zu sein oder eher dazu bestimmt, sich als Ungläubige an Christus, dem Eckstein zu stoßen, weil sie nicht glauben?

Letzteres liegt eindeutig vom gesamtbiblischen Kontext näher! So schreibt auch Heiko Krimmer (edition C – Kommentar: Petrusbriefe): „Bis heute stoßen sich die Ungläubigen an ihm. (…) das ist ihre persönliche Schuld. Obwohl Petrus hinzufügt: >wozu sie auch bestimmt sind<. Sie sind von Gott gesetzt (so wörtl.), dass sie sich stoßen und auch zu Fall kommen. Es geht hier nicht um eine Vorherbestimmung zur Verdammnis (solches lehrt die Bibel nirgends!), wohl aber entspricht dem Unglauben auf des Menschen Seite – als seine Entscheidung – seine Verstockung auf Gottes Seite – als Gottes Beschluss und Setzung. Beides muss nebeneinander stehengelassen werden.“ (S.70)

Ebenso der Waalford-Kommentar: „“Wegen ihrer Sünden sind alle ungehorsamen Ungläubigen dazu bestimmt, sich an Christus zu stoßen und damit der ewigen Verdammnis anheim zu fallen.“ (Bd. 5, S.454)

Was bedeutet dieses „sich stoßen“ genau?

Fritz Rienecker schreibt in seinem Sprachlichen Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament: „Den Ungläubigen ist Christus nicht zu einem Schlussstein, sondern zu einem spitzen Stein an der Ecke des Gebäudes geworden, an dem man sich stößt und zu Fall kommt. Im Gegensatz steht das folgende „Ihr aber …“.

Zu Kap. 2,10 und 5,10-12: Ein großes Thema des 1. Petrusbriefes ist Umsetzung der im Alten Testament verheißenen Gnade Gottes, die letzten Endes immer alle Menschen und nicht allein Israel im Blick hat, was Petrus persönlich und sehr eindrücklich erfahren und weitergegeben hat (Apg 10,9-16.34ff; Apg 15,14). Petrus bezieht sich in seiner Argumentation auf den Propheten Hosea. Ursprünglich wird Israel in Hosea mit einer untreuen Braut/ Frau verglichen. Ihre Jugend war die Zeit als Israel aus Ägypten auszog (Hos 2,17). Gott spricht durch Hosea von einer Bekehrung des Volkes Israel/ Juda, das durch die beiden Hosea-Kinder, die Hurentochter Lo Ruhama (= die Unbegnadigte) und den Huren-Sohn Lo Ammi (= nicht mein Volk) symbolisiert war. Aber auch die Wende wird deutlich in Hos 2,3 für die Zukunft angekündigt, eine Bekehrung der Verstoßenen: „Sagt euren Brüdern (Lo Ammi), sie seien mein Volk, und zu euren Schwestern (Lo Ruhama), sie seien in Gnaden.“ (Hos 2,25 dito nach Ausrottung des Götzendienstes Israels, der im Bild mit Hurerei verglichen ist). Die Mutter ist verloren, aber die Kinder erfahren wieder Gottes Zuwendung. Wer sind nun diese Kinder Israels? Jüdische Nachkommen im genetischen Sinne oder „Kinder des Glaubens“, sprich Jesus-Nachfolger aus jüdischem und heidnischem Umfeld, also in geistlichem Sinne?

Auch Paulus bezieht diese Hosea-Aussage (Hos 2,25) im Römerbrief (Röm 9,24ff) nicht auf Israel allein! Sondern Röm 9,24 und 9,30 zeigen, dass er die Verheißung auf die Christus-Gläubigen unabhängig von deren religiösem oder kulturellem Hintergrund ausweitet. Entscheidend ist der Glaube, nicht die Abstammung! In Röm 10,10-12 schreibt Paulus: es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Heiden, allein der Glaube zählt, allein der Glaube rettet!

Petrus sieht dies genauso, wenn er lediglich von Gläubigen und Ungläubigen aber nicht von Christen und Juden spricht. In 1.Petr 2,12 geht es ebenfalls in erster Linie um Gläubige die rechtschaffen unter den Heiden wohnen sollen. Die Gnade Gottes ist das alles Entscheidende für die ursprünlich Unbegnadigten: vgl. 1.Petr 5,12.

Gläubige werden unabhängig von ihrer Herkunft „Christen“ genannt (das Wort wird in 1.Petr 4,16 direkt vom Apostel für alle Gläubigen verwendet – also auch für die gläubigen Juden!). Ganz nebenbei macht kein Apostel einen Unterscheid zwischen Christen und „messianischen Juden“, wie das heute üblich ist. Dieser Unterschied ist nur auf dem geschichtlichen Hintergrund schrecklicher Greueltaten zu verstehen, die an Juden von sogenannten „Christen“ gegangen wurden und die damit den Christus-Namen furchtbar missbrauchten!

Der Begriff „Christ“ ist also ein von den Aposteln selbst legitimierter, um Jesus-Nachfolger zu beschreiben die auch aus dem jüdischen Volk gewonnen und durch den Glauben gerettet werden sollen!

Fragen zum Text

  1. Wozu braucht es die Aufforderung an die Adressaten zu ihm, „Christus“ (4), zu kommen?
  2. Wieso kann ein Stein als Bild für Leben und Jesus Christus gebraucht werden?
  3. Warum verwerfen Menschen das, was Gott für wertvoll hält? Nenne Gründe heute!
  4. Was sind geistliche Opfer (5; vgl. Röm 12,1-2) und welche hat Petrus in seinem Leben erbracht?
  5. Wie kommt man dazu, zu Gottes Volk zu gehören? Wer ist hier überhaupt angesprochen hinsichtlich des Hosea-Zitats?
  6. Wie kann man die Gnade Gottes am besten anschaulich erklären?
  7. Was bedeuten mir die Verse in Kap. 2,5 und 9 persönlich – bestimmen sie mein Leben vielleicht zu wenig und „schlummert“ hier ein Aufgabenfeld für mich?

Richtungswechsel

Es ist kein Angriff auf ein gesundes Maß an Selbstständigkeit, gewonnene Urteilsfähigkeit und Lebenserfahrung, wenn Gott uns in Frage stellt. Hier geht es um seine Hilfe, die jeder Mensch unabhängig vom Bildungsstand nötig hat und auf die man sich nichts einbilden kann, wenn man sie in Anspruch nimmt. Es wäre aber töricht, diese Hilfe und Gnade Gottes auszuschlagen oder für unnötig zu erklären, weil man um eine Autonomie fürchtet, die man eh nie hat.  Stattdessen befreit Begnadigung zu fröhlichem Neubeginn und Engagement, diese gute Erfahrung mit Gott weiterzugeben. In Zeiten permanent schlechter Nachrichten ist es eine echte Alternative, „Gottes Wohltaten“ weitergeben zu können!  Diese Botschaft ist absolut geeignet Licht ins Dunkel dieser Welt zu bringen.