Nachbars Kirschen (September 2014)

Es gibt da ein Sprichwort, dass das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer grüner ist als auf der eigenen Seite. Es gab wohl auch Beobachtungen hierzu bei Tieren, die eingezäunt auf der Weide standen. Diese grasten bevorzugt hinter dem Zaun, selbst dann erneut, wenn sie bereits zuvor mit dem Kopf im Loch des Zauns stecken geblieben sind. Ob diese Geschichten stimmen oder nur ein Mythos im world wide web sind, kann ich nicht beurteilen. Es stellt sich aber die Frage, warum das Gras grüner ist bzw. so zu sein scheint?

Das Sprichwort deutet auf den Neid hin. Von Neid spricht man, wenn man etwas besitzen möchte, was ein anderer hat. Dieser kann sich komischerweise sogar in konstruktiven Neid äußern, der sich beispielsweise in Ehrgeiz wiederspiegelt. Allerdings ist dabei fraglich, ob der Weg zum Ziel dann stets für alle Beteiligten konstruktiv ist. Dieser Neid kann sich ja darin äußern, dass ich den anderen in einer Sache nur deshalb übertrumpfe, um es ihm verletzend unter die Nase zu reiben, sodass er auf mich neidisch wird. Dann wäre der Ehrgeiz falsch (wobei Ehrgeiz, wohl bemerkt, nicht grundsätzlich schlecht ist). Im negativen Sinne tritt allerdings meist der destruktive Neid auf. Er führt nicht dazu, dass ich auf eigenem Weg versuche, das Ziel zu erreichen. Stattdessen vermiese ich dem anderen das beneidete Gut oder versuche es in meinen Besitz zu bringen. Der Geschädigte bleibt in beiden Fällen der andere. Die negativen Folgen für mich möchte ich an dieser Stelle ausklammern, weil ich ja nicht aus dem Grund nicht neidisch sein soll, damit es mir nicht schadet. Also, wenn neben dem höchsten Gebot Gottes die Nächstenliebe gleichwertig ist, dann sollte ich nicht neidisch handeln. Wie gehe ich dann damit um, wenn ich neidisch werde? Um das zu beantworten, gilt unter anderem Folgendes: Einerseits ist die erste Schwierigkeit, dass ich den Neid nicht gleich als Neid erkenne. Manchmal hat man gewisse Ziele im Leben, die aufgrund von Neid entstanden sind und ich es nicht bemerkt habe. D.h. dass das Ziel an und für sich gut sein kann, der Grund, dieses Ziel zu erreichen, aber zerstörerisch ist. Zum anderen bin ich vielleicht überhaupt nicht in der Lage, das Ziel zu erreichen, weil mich ein Zaun tatsächlich einschränkt. Und so mühe ich mich vergeblich damit ab, das grünere Gras zu bekommen, anstatt das Gras auf meiner Seite zu nutzen und zu genießen. Ich möchte sicherlich nicht damit sagen, dass es sich nicht lohnt, etwas erreichen zu wollen, was andere erreicht haben. Allerdings sollte ich erst einmal die eigene Situation beurteilen und meine Motive anschauen und so dem Neid begegnen.

Text und Foto: Tobias Melzer