Miniaturwelt (März 2015)

„Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.“ Diese Bemerkung aus dem Bericht zum „Turmbau zu Babel“ aus 1. Mose 11 zeigt Gottes Perspektive angesichts des damals größten Bauvorhabens der Menschheit. Die Menschen wollten einen Turm bauen „dessen Spitze bis an den Himmel reichen“ sollte, um sich damit „einen Namen“ zu machen. Es ging um die Macht. Größer als Gott selbst wollte man sein! Die Kraft der urbanen Gemeinschaft hatte die Menschen hochmütig werden und Gott hinten anstehen oder sogar vergessen lassen. Wir können alles – sogar Türme bis in den Himmel bauen, war die Devise. Abgesehen von der damals noch bescheidenen Baukunst ist die Situationsbeschreibung erschütternd aktuell. Man fragt sich unwillkürlich, was Gott heute wohl denkt, wenn die Menschheit nicht nur Wolkenkratzer bis zu 800 m Höhe baut, sondern den Erdball mit Flugzeugen umrundet und fast jeden Ort der Erde in wenigen Stunden erreichbar macht. Ungeheure technische Fähigkeiten lassen viele an die Überwindung sämtlicher natürlicher Grenzen glauben. Leider führen solche Fähigkeiten genau wie damals gerne zur Überheblichkeit und zum Glauben, die Schöpfung Gottes uneingeschränkt beherrschen zu können. Im Wesen hat sich die Menschheit nicht verändert. Ein Blick aus der Distanz auf unsere „Fortschrittlichkeit“ täte gelegentlich gut! Wer quasi von oben auf den Flughafen des Miniatur-Wunderlandes in der Hamburger Speicherstadt schaut, ahnt etwas von der Kleinheit und Zerbrechlichkeit der von uns gestalteten Welt. Das hat etwas Ernüchterndes.

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Ausgerechnet die größte Modelleisenbahnanlage der Welt lässt das quirlige Treiben der Menschen niedlich und irgendwie unwichtig erscheinen. Menschen werden zu zerbrechlichen Figuren, gewaltige Maschinen und Bauwerke zu Spielzeug. Aber auch die Begeisterung der Erbauer wird deutlich. Die Liebe zum Detail und die unglaubliche Komplexität der Anlage zeigt, dass diese Miniaturwelt in Wirklichkeit von ihren Machern beherrscht wird. Gott musste in der Geschichte vom Turmbau zu Babel „hernieder fahren“, um den großen Turm zu sehen, den die Menschen zu bauen versuchten. Sind wir Menschen angesichts der Größe und der Fähigkeiten Gottes nicht eigentlich mit Figuren in einer Spielzeugwelt vergleichbar? Nehmen wir uns und unsere Vorhaben vielleicht manchmal zu wichtig? Besteht unser eigentlicher Wert nicht vielmehr darin, dass Gott die Menschen gewollt und gemacht hat und sie mit liebevoll gestalteten Eigenschaften versehen hat? So könnte uns diese beispielhafte Perspektive „von oben“ und die Geschichte vom Turmbau zu Babel eine gesunde Portion Bescheidenheit bzgl. der von uns selbst fabrizierten Dinge vermitteln.

Fotos und Text: W. Borlinghaus