Vorbild Natur – auch beim Tricksen und Täuschen?

Es ist schon erstaunlich, was es in der Natur an Täuschungsmanövern zu beobachten gibt. Viele Tiere und Pflanzen sind aufgrund von Tarn- oder Abwehrfarben und -formen (Mimikry) vor Gefahren geschützt. Diese i.d.R. defensive Art der Täuschung erscheint uns harmlos im Vergleich mit perfiden pflanzlichen oder tierischen „Tricks“, die andere zu hilflosen Opfern werden lassen. So späht ein Kuckuck-Weibchen ganz gezielt kleinere Vogelpaare aus, um im günstigsten Moment ein täuschend ähnlich großes und ähnlich gefärbtes Ei in deren Nest zu legen. Damit nicht genug, denn der Kuckuck-Sprössling sorgt mit seiner ersten aktiven Handlung dafür, dass potentielle Konkurrenten, immerhin der Originalnachwuchs seiner „Pflegeeltern“, aus dem Nest fällt und stirbt, damit ausschließlich er alles herbeigebrachte Futter bekommt.

Amazonenameisen, wie die in Deutschland heimische Art Polyergus rufescens, treiben als Sozialparasiten ihr Unwesen. Nachdem sie ein anderes Ameisenvolk (i.d.R. Waldameisen) ausgespäht haben, brechen sie in großer Zahl zu einem brutalen Raubzug auf. Sehr raffiniert ist dabei das Versprühen von „Propaganda-Säure“, die beim Gegner Panik und Fluchtverhalten auslöst. Wer nicht fliehen kann oder es sogar wagt, Gegenwehr zu leisten, wird mit dolchartigen Mundwerkzeugen niedergemetzelt. Schließlich dringen die Amazonenameisen in das fremde Nest ein und rauben einen Großteil der Puppen. Der Gegner wird dabei nicht völlig vernichtet, damit man ihn zukünftig mehrfach überfallen kann! Die geraubten Puppen werden rasch dem eigenen Nest einverleibt. Dort geschlüpft, müssen die artfremden Tiere nun den Amazonenameisen dienen. Chemische Signale täuschen diese „Sklaven“ darüber hinweg, dass sie gerade ihre nur noch um Futter bettelnden Feinde unterstützen. Amazonenameisen wären ohne diese Art der Versorgung gar nicht lebensfähig! Begattete Königinnen sind sogar in der Lage, sich ganz alleine in fremde Nester einzuschleichen, indem sie die Verteidiger chemisch besänftigen. Sie dringen bis zur Königin vor, töten diese und setzen sich quasi selbst auf den Thron. So wird die Brut von den Arbeiterinnen des überfallenen Volkes aufgezogen, ohne dass je ein eigenes Nest gebaut werden müsste. Ist die Anzahl der Nachkommen groß genug, werden vom Nest der Wirtsart neue Raubzüge gestartet!

Was bei Menschen zurecht als verwerflich gilt, nämlich andere zugunsten der eigenen Interessen zu täuschen und auszunutzen, ist in der Natur sehr verbreitet. Diese Tatsache lässt sich ethisch aber nicht bewerten noch zum besseren Verständnis menschlichen Verhaltens verwerten. Tiere und Pflanzen können nicht nach Kategorien menschlichen Rechtsverständnisses beurteilt werden. Sie wenden solche Täuschungsmanöver auch nicht bewusst mit dem Wissen an, ihren Opfern dadurch Schaden zuzufügen. Begriffe wie Lüge oder Betrug sind deshalb bei Tieren unpassend, denn so etwas geschieht bewusst mit dem Wissen um einen wahren Sachverhalt, den man dem Opfer zugunsten eigener Vorteile vorenthält. Tiere kennen keine Verantwortung gegenüber ihren Opfern. Politiker, Banker und wir selbst schon!

Tiere handeln instinktiv und reflektieren ihr Verhalten nicht, selbst wenn sie sehr „absichtlich“ zu handeln scheinen, wie die Amazonenameisen. Ohne jedes Bewusstsein lässt sich jedoch z. B. ein koordinierter Angriff eines Kaffernadler-Paares nicht verstehen, wenn es gemeinsam Klippschliefer jagt. Das Männchen vollführt dabei ablenkende Flugkunststücke, während das Weibchen aus dem Hinterhalt zuschlägt. Von einer gewissen Form des bewussten Handelns kann man also durchaus bei manchen Tieren sprechen, nicht jedoch von Verantwortung. Der uralte biblische Schöpfungs- und Sintflutbericht nennt für Mensch und Tier gemeinsam den vom Schöpfer gegebenen „Odem des Lebens“. Dieser unterscheidet Pflanzen und Tiere, aber nicht Tiere und Menschen. Wer das Buch Genesis studiert, wird bemerken, dass es hier einen Unterschied des Verständnisses von Leben und dessen Verantwortung gegenüber seinem Umfeld und dem Schöpfer gibt. Mensch und Tier haben im Gegensatz zu Pflanzen diesen „Odem des Lebens“. Doch der Mensch ist im Unterschied zum Tier in einem hohen Maße verantwortlich. Es ist deshalb speziell nach jüdisch-christlicher Auffassung nicht möglich, die im Tier- und Pflanzenreich üblichen biologischen Erscheinungsformen und Verhaltensweisen auf den Menschen zu übertragen. Zur Beurteilung von menschlicher Schuld und Verantwortung sind tierische Verhaltensweisen daher grundsätzlich nicht zulässig. Tierisches Verhalten dient gelegentlich beispielhaft (Bibel, Sprüche Salomos 6,6; Matthäusevangelium 10,16. 23,37; u.a.) oder abschreckend (Bibel, Sprüche Salomos 28,15; u.a.) als Illustration zur Beschreibung menschlichen Miteinanders. Doch es kann nie erklärend als Ursache für menschliches Fehlverhalten wie z.B. Lüge, Betrug, Untreue, Mord, Gier, sexuelle Zügellosigkeit, etc. herangezogen werden. Menschen sind eben doch mehr als höher entwickelte Säugetiere. Das hält die Bibel sehr deutlich fest und das entspricht auch jeder vernünftig reflektierten Lebenserfahrung! Wegen seiner besonderen Bestimmung und Stellung innerhalb der Schöpfung ist der Mensch verantwortlich für den Umgang mit dieser Schöpfung, seinen Mitmenschen und auch für seinen Bezug zum Schöpfer selbst.

Winfried Borlinghaus