Sind wir nicht alle ein bisschen „charlie“?

Die Attentate vom 7. Januar 2015 in Frankreich waren unbestritten unmenschlich und grausam. Sie sind entsprechend hart zu verurteilen! Allerdings scheint seither die Solidarisierung mit der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo fast zwangsläufig nötig zu sein, wenn man sich für Meinungsfreiheit in Europa einsetzen möchte. Doch ist eben nicht jeder, der das tut, automatisch „Charlie“. Und das ist gut so! Es ist nämlich peinlich, wenn sich viele unserer Politiker, Sportler, Musiker und andere so wenig differenziert mit “je suis charlie” – Bekenntnissen schmücken. Muss man für die Verteidigung der hochgelobten europäischen Meinungs- und Pressefreiheit ausgerechnet die geschmacklose Blasphemie von Charlie Hebdo in Frankreich oder z.B. von Titanic in Deutschland hofieren und weil das nicht genügt, noch zu deren Werbeträgern werden? Wird man den Opfern, vor allem den gänzlich unbeteiligten, wirklich gerecht, wenn man jeder Kritik am Stil der Hebdo-Zeichner und der Frage nach Verantwortung von Satire ausweicht? Wenn z.B. die verschiedenen Religionen auf einer ehemaligen Titelseite als sich gegenseitig übertreffende männliche Geschlechtsorgane dargestellt wurden (das größte stand dabei übrigens für das Christentum), war das noch eine der harmloseren Karikaturen.

Sie tauchen nun wieder vermehrt in den Medien auf und werden wohl als Mahnzeichen zum Erhalt unserer Meinungsfreiheit aufgerichtet! Ob sich die „Vorbilder unserer Gesellschaft“ bewusst sind, dass sie damit für ein zumindest sehr grenzwertiges Verständnis von Meinungsfreiheit werben? Bedeutet freiheitliches Humor- und Kunstverständnis etwa, dass man sich zukünftig generell mit Satirikern solidarisieren muss, die die hochgelobte Pressefreiheit als Plattform für rücksichtslose Religions-Hetze missbrauchen? Vor allem die europäische Politiker-Elite scheint sich seit den Attentaten Arm in Arm mit Hebdo und mit deren Stil solidarisiert zu haben! Europa erteilt auf diese Weise jeder „künstlerischen“ Provokation eine Art General-Absolution und weist kategorisch die mögliche Mitverantwortung der Künstler für islamistische Gewalttaten zurück. Man vergleiche einmal diese geradezu euphorische Hebdo-Solidarität von 2015 mit der kritischen Medien-Berichterstattung von 2011, als z.B. das christlich-soziale Engagement von deutschen Bibelschülerinnen im Jemen als inakzeptable Provokation von Muslimen verurteilt wurde. Diese Opfer islamistischer Gewalt wurden damals wegen angeblicher Naivität selbst für ihre Ermordung verantwortlich gemacht und christliche Ausbildungsstätten angeprangert. Wenn aber einerseits das christlich soziale Engagement unter Muslimen oder gar die Meinungsfreiheit von Christen im islamischen Umfeld als „unnötige“ Provokation von Gewalt angesehen wird, wie kann dann andererseits die blasphemische Provokation einer Satirezeitschrift als schützenswerter Ausdruck der europäischen Meinungsfreiheit gelten? Soll Satire in Europa und vor allem in Deutschland und Frankreich wirklich alles dürfen und das in Zukunft erst recht?

Die flächendeckende politische Solidarisierung mit Charlie Hebdo wird so zum europäischen Freibrief für noch hemmungslosere Lästerei. Wer in diesem Zusammenhang von Muslimen mehr Gesprächsbereitschaft, demokratisches Verhalten und Verständnis für unsere westlichen Werte einfordert, sollte sich ernsthaft fragen, ob ausgerechnet dieser Stil der richtige ist, um zukünftig Muslime in unserem Land zu einem friedlichen Miteinander zu ermutigen. Wer Muslime für echte Glaubens-, Meinungs- und Entscheidungsfreiheit gewinnen möchte, darf die hemmungslose Respektlosigkeit satirischer Darbietungen nicht einfach pauschal unterstützen und damit „fröhlich-solidarisch“ weiter auf den religiösen Gefühlen vieler europäischer Bürger herumtrampeln? Bleibt es dabei, können wir zukünftig nur hoffen, dass Muslime in Europa im Gegensatz zu ihren islamischen Kernländern, die öffentlich-rechtliche Förderung eines atheistisch motivierten Religions-Spottes genauso friedlich ertragen lernen, wie das die Christen bereits seit Jahrzehnten tun.

Winfried Borlinghaus