Island – veränderte Landschaft im Schnellverfahren

hochschulnet2012_Island1Nach dem Ausbruch des isländischen Eyafjallajökulls im Frühjahr 2010, der zeitweise den Flugverkehr in Europa lahmlegte, sorgte 2011 kurzfristig ein weiterer Vulkan für Schlagzeilen. Im Grimsvötn-Gebiet brach unter dem größten islandischen Gletscher, dem Vatnajökull, ein subglaziler Vulkan für eine kurze Zeit aus und ließ einen Gletscherlauf durch massenhaft geschmolzenes Eis befürchten. Als Gletscherlauf wird das plötzliche Austreten von aufgestautem Schmelzwasser aus der Gletscherzunge bezeichnet. Dies wurde auf Island in größerem Ausmaß zuletzt 1996 beobachtet. Die Folgen waren damals verheerend und große Teile der wichtigen Ringstraße wurden durch Wassermassen weggerissen, die mit 45 000 m3/s kurzzeitig beinahe Amazonas-Dimensionen angenommen hatten. Der Ausbruch vom 21.-28. Mai 2011 verlief vergleichsweise harmlos, so dass es schließlich zu keiner Flutkatastrophe kam. In den mitteleuropäischen Medien wurde dann ein weiteres vulkanisches Ereignis in Island kaum zur Kenntnis genommen.

Ein kleiner Ausbruch des potentiell gefährlichen Katla-Vulkans unter dem westlicher gelegenen Myrdalsjökull sorgte am 9. Juli 2011 für einen kleineren Gletscherlauf, der immerhin eine wichtige Brücke der Ringstraße fortriss und Verwüstungen bzw. markante Landschaftsverändeungen hinterließ. Eine vom DCTB und GeoExx durchgeführte Exkursion konnte den Ort des Geschehens nur wenige Wochen später besuchen und einige interessante Beobachtungen im Bereich der fortgerissenen Brücke machen.

hochschulnet2012_island2Neben der inzwischen aufgebauten Behelfsbrücke waren die erodierten Stümpfe der ursprünglichen Beton-Brückenpfeiler, Miniatur-Canyons und Umlaufberge zu erkennen. Die Wassermassen hatten eine Geröll- und Schlammlawine erzeugt, die auch Bestandteile des jüngsten Eyafjallajökull-Asche-Fallouts transportierten und im Bereich verminderter Strömungsgeschwindigkeit wieder konzentriert ablagerten. Die Flutwelle hinterließ so bei einem einzigen Ereignis Dutzende von Schichten verschiedener Körnungsgröße im Ablagerungsgebiet. Das besondere an solchen kleineren Flut-Katastrophen ist die Tatsache, dass sich hier quasi modellhaft Landschaftsveränderungen und geologische Schichtbildungen innerhalb kürzester Zeiträume nachweisen lassen.

hochschulnet2012_island3Diese durch schnelle Ablagerung und Erosion erzeugten Landschaftsformen weisen verblüffende Übereinstimmun-gen mit den Folgen größerer Flut-Ereignisse auf, wie etwa diejenigen im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Mt. St. Helens von 1980 oder der Elbeflut von 2002. Diese kleinen und größeren Ereignisse lassen wiederum Rückschlüsse auf Mega-Ereignisse im Verlauf der Erdgeschichte zu, die ihre Spuren in Form von ungeheuren Sedimentschichten, Abtragungsflächen und Canyons hinterlassen haben. So können zumindest Teilbereiche des Grand-Canyon und anderer topografischer Großstrukturen auf der Erde alternativ als Folge katastrophaler Aufschüttungs- und Abtragungsereignisse verstanden werden. Dies könnte wiederum bedeuten, dass geologische Prozesse, die üblicherweise mit riesigen Zeiträumen in Verbindung gebracht werden, in Wirklichkeit erheblich schneller abgelaufen sind, als es aktualistische Prinzipien vermuten lassen. Vor allem bei der Bildung von Canyons und Umlaufbergen, wie sie im Miniaturformat beim Gletscherlauf des Myrdalsjökull zustande kamen, spielt die gegen die Fließrichtung verlaufende „rückschreitende Erosion“ eine bedeutende Rolle.

Die stärkste Erosionskraft ergibt sich nämlich im Bereich des Energielinensprungs an einer Ablaufkante, die dadurch in Stücken und Schollen weg-bricht. Es entsteht innerhalb kürzester Zeit ein verzweigtes Canyon-System, solange bis die Wassermassen im Wesentlichen abgelaufen sind. Der so entstandene Canyon bildet nun in der Folgezeit unter „Normalbedingungen“ ein natürliches Ablaufgerinne für Niederschlagswasser, das aber bei weitem nicht mehr die Erosionskraft besitzt wie die ursprünglich für die Bildung verantwortliche Wassermasse. Ein heute in einem solchen Canyon abfließender Fluss täuscht somit eine erheblich längere Bildungsepoche vor.

Winfried Borlinghaus