Das Verhältnis zur Wahrheit – eine innere Angelegenheit mit Außenwirkung

Wahrheit deckt auf

Eine der berühmtesten Fragen zum Thema stellte vor 2000 Jahren der Präfekt der römischen Provinz Judäa Pontius Pilatus in der Gerichtsverhandlung, die zur Verurteilung von Jesus Christus führte: „Was ist Wahrheit?“ (Bibel, Johannesevangelium, Kapitel 18,37f). Immerhin stellt Pilatus in diesem unfairen Prozess die Unschuld des Verhafteten fest. Trotzdem kommt es wegen Intrigen, persönlichen und politischen Interessen zur Verurteilung. Und Pilatus erkennt nicht, dass die Antwort auf seine Frage in gewisser Weise persönlich vor ihm steht und ihm seine Schwäche offen legt! Die Frage nach Wahrheit wird bis heute mehr oder weniger intensiv gestellt. Wie wichtig eine richtige Antwort auf die Frage ist, zeigt sich z. B. im Privaten, in der Bildung, der Wissenschaft und besonders in der Rechtsprechung. Und obwohl klar ist, dass die Wahrheit von zentraler Bedeutung für Gerechtigkeit, Freiheit und Vertrauensverhältnisse ist, kommt nicht selten der Verdacht auf, dass ehrliche Antworten nicht gründlich gesucht werden oder sogar überhaupt nicht gewollt sind. Warum sehnen sich Menschen gleichzeitig nach Wahrheit und haben doch Angst davor, sie zu finden und zu benennen? Es liegt an ihrem „offenen Charakter“. Wenn Wahrheit ganz objektiv die Übereinstimmung mit den Tatsachen ist, kann es nämlich sehr unangenehm werden, wenn sie Dinge ans Licht bringt. Das gilt für den öffentlichen wie für den privaten Bereich.

Zwickmühle

Markante politische Ereignisse der letzten Jahre verdeutlichen die manchmal komplizierte Situation. Etwa der illegale Steuersünder-Datenklau, den deutsche Länderregierungen für sich nutzten, um an nicht gezahlte Steuern zu kommen oder der Überwachungsskandal, den Edward Snowden einerseits illegal, andererseits berechtigterweise aufgedeckt hat. Es handelt sich in solchen Fällen häufig um eine ethische Zwickmühle, in die alle Beteiligten geraten. So ist z. B. die Arbeit von Geheimdiensten nötig, weil das Aufdecken der Wahrheit Menschenleben retten kann! Denn leider ist es wahr, dass Menschen andere nicht nur verbal bedrohen, sondern auch zum Töten bereit sind. Es ist also gut, wenn der Staat seine Bürger schützt und die Täter vor der Ausübung ihrer Untaten dingfest macht! Gleichzeitig ist es wichtig, das Recht zu wahren. Um böse Absichten zu verschleiern, wird seit eh und je betrogen, gelogen und getäuscht. Um solchen kriminellen Machenschaften auf die Spur zu kommen, scheinen Regierungen oft ähnliche Mittel einsetzen zu müssen, um zu einem guten Ziel zu kommen. Ohne Zweifel ist es dabei gut, die Wahrheit über einen kriminellen Sachverhalt herauszufinden. Das Ziel kann neben dem Schutz der potentiellen Opfer auch die notwendige Strafverfolgung sein. Wer möchte da als Bürger und Politiker auf notwendige Sicherheitsaspekte verzichten oder effektive Ermittlungsmethoden ausschließen? Niemand möchte jedoch permanent dabei überwacht werden, was er gerade tut. Muss Überwachung wirklich flächendeckend stattfinden, um potentielle Attentäter finden zu können?

Störfall Mensch

Wenn Regierungen prinzipiell keine bösen Absichten hegen würden, wäre eine Überwachung ihrer Bürger sicher weniger problematisch. Die Geschichte raubt hier jedoch jede Illusion! Da Regierungen aus Menschen bestehen, die ebenfalls eigennützig und kriminell handeln können, kann niemand ausschließen, dass ausgespähte Daten genau von diesen Regierungen missbraucht werden, um politische oder wirtschaftliche Macht auf illegale Weise auszubauen. Das Vertrauen in übergeordnete Einrichtungen ist grundsätzlich zerstört, weil die Menschen selbst das Problem sind – in jedem Bereich bleiben sie prinzipiell zur Selbstverbesserung unfähig. Deshalb nimmt das Unrecht auf der Welt trotz jahrtausendelanger Bemühungen nicht wirklich ab! Der Mensch ist „Sünder“, wie es die Bibel nennt. In Politik und Wirtschaft funktioniert deshalb nichts „auf Treu und Glauben“ hin. Wer dort aktiv beteiligt ist, kennt das Problem von nicht eingehaltenen Versprechen, zerstörtem Vertrauen und ständig wachsendem Misstrauen inklusive der zu treffenden Abwehrmaßnahmen. Die unumkehrbare globale Verstrickung sehr unterschiedlich denkender und kulturell geprägter Menschen verschärft die Lage heute zusätzlich.

Misslungene Autonomie

Wer sich über das weltweite gegenseitige Misstrauen und Bespitzeln Gedanken macht, muss sich auch persönlich fragen, wie es mit dem eigenen Leben steht. Die Lüge ist hier wie dort der entscheidende Faktor, weshalb die Wahrheit ausgeblendet und immer mehr Vertrauen nachhaltig zerstört wird? Die Lüge ist ihrerseits eine Konsequenz aus der selbstgewählten Trennung der Menschheit von Gott. Die Menschheit ist, wenn sie sich nur an sich selbst statt an ihrem Schöpfer orientiert, zwar fortschrittlich, doch bleibt sie ohne ethische Orientierung und ist mit ihrer angestrebten Autonomie unlösbar überfordert! Die Wahrheit über diesen eigenen problematischen Zustand einzugestehen, wäre ein wirklicher Fortschritt. Persönlich ist dieses Eingeständnis der Anfang vom Ende jeder Lüge und vom überheblichen Selbstbetrug. Es ist sicher leichter, dieses Eingeständnis selbst zu praktizieren als es von Parteien, Institutionen und Regierungen zu erwarten.

Lüge ist nie harmlos

Die Lüge ist immer ein Instrument der bewussten Täuschung. Sie ist nie ein versehentlicher Irrtum. Nur als bewusste Tat entfaltet sie ihr tödliches Gift. Es gibt im Miteinander von Menschen kaum eine andere Kraft, die eine so nachhaltig zerstörerische Wirkung entfalten kann, wie die Lüge! Die schlimmste Folge klingt im ersten Augenblick wenig spektakulär. Es ist der bereits mehrfach angesprochene Vertrauensverlust! Wer belogen wird, wird so enttäuscht und verletzt, dass er dem Lügner gegenüber jedes Vertrauen entzieht, ja entziehen muss, um nicht weiteren Täuschungen zu erliegen. Voraussetzung für eine Änderung ist nur die ehrliche Reue des Lügners, das unbedingte Interesse an der Wahrheit und die Einsicht, dass man am anderen schuldig wurde. Die Motivation zu lügen ist vielfältig. In den meisten Fällen wird gelogen, um sich eigene Vorteile zu verschaffen oder um sich unangenehme Situationen zu ersparen. Natürlich gibt es die Lüge auch, um sich oder andere vor einer Gefahr zu schützen. Hier mag man im Einzelfall in der ethischen Bewertung etwas zurückhaltender sein. In den meisten Fällen trägt die Lüge aber egoistische und rücksichtslose Züge. Es täte uns persönlich und unserer Gesellschaft gut, wenn wir weniger verlogen wären, denn selbst „kleine“, „harmlose“ Lügen können eine enorm zerstörerische Wirkung entfalten. Was im privaten Umfeld beginnt, zieht irgendwann auch größere Kreise. Man denke hier etwa an den „Volkssport“ Versicherungsbetrug und die gleichzeitig regelmäßige Entrüstung in der sogenannten Solidargemeinschaft, wenn Versicherungen den Angaben ihrer Kunden zunächst einmal misstrauen und zahlungsunwillig sind. Die Profitgier der Versicherungsunternehmen ist das eine, doch die Unehrlichkeit der Kunden wiegt schwer als Schuld auf der anderen Seite. Insofern ist jeder in unserer Gesellschaft beteiligt, wenn Vertrauen schwindet und Misstrauen wächst.

Wahrheit ist objektiv

Wenn der Ehrliche nicht mehr als der Dumme angesehen würde, wäre das ein echter Fortschritt – privat und öffentlich! Es gibt nur ein Mittel für den wünschenswerten Richtungswechsel: das Interesse an der Wahrheit und die Bereitschaft, diese auch persönlich walten zu lassen! Leider hält sich hartnäckig die beliebte Lüge, die Wahrheit sei eine subjektive Angelegenheit. Nach dem Motto: Jeder hat seine eigene Wahrheit und da kann ihm niemand reinreden. Was der eine für kriminell hält, ist für den anderen legitim! Wenn Wahrheit jedoch die unmissverständliche Aufklärung über Tatsachen und kein subjektives Empfinden ist, ist sie eine absolute Größe und bringt jedes noch so ausgefeilte Lügengebäude zum Einsturz. Das Ergebnis ist möglicherweise Einsicht von Schuld und Beschämung, aber noch viel mehr Befreiung, Offenheit und neues Vertrauen. Im Gespräch mit Pontius Pilatus hat Jeus eigentlich die Antwort auf die Frage nach Wahrheit gegeben. Sie liegt in seiner Person begründet. Denn Jesus legt die Karten offen auf den Tisch und zeigt, wer Gott wirklich ist und wer der Mensch. Und er lebt und lehrt, wie das gestörte Verhältnis zu Gott wieder in Ordnung kommen kann. Dieses Verhältnis ist der Schlüssel zur Wahrheit und zur Fähigkeit, der Lüge keinen Spielraum mehr zu geben. Dazu muss über Schuld geredet werden. Über die Ignoranz der Menschen ihrem Schöpfer und seinen Geboten gegenüber, über die Unfähigkeit der Menschen, sich selbst verbessern und Recht schaffen zu können. Erst dann kommen Vergebung und Barmherzigkeit zur Geltung. Nur wo es echte Einsicht und Reue gibt, kann zerstörtes Vertrauen wieder wachsen! Jesus lädt in gewisser Weise sogar Pilatus dazu ein umzukehren. Denn es gibt einen, der mehr Macht hat als der römische Kaiser, oder auf heute übertragen: mehr Macht als der amerikanische Präsident, Putin oder der Weltsicherheitsrat. In Jesus Christus steht die Wahrheit selbst vor den Mächtigen dieser Welt und vor mir persönlich. Es ist die unbestechliche Wahrheit, die von Gott kommt und nicht von Menschen definiert werden kann. Wahrheit, die sich nicht durch politische Machtspielchen beeindrucken lässt, weil sie Ausdruck selbstloser Liebe ist, die sogar für ihre Feinde in den Tod geht! Diese so anders geartete Macht setzt Gott nicht weltpolitisch in Szene, sondern er demonstriert durch Jesus, was Liebe und Wahrheit bedeutet und wie sie Menschen von innen heraus erneuert! Wer Jesus nachfolgt, wird keine Freude mehr an Täuschungsmanövern haben. Und das wird, angefangen im persönlichen Umfeld, nicht ohne positive Folgen bleiben.

Winfried Borlinghaus