Angst durch Leistungsdruck – eine befreiende Perspektive

Leistungsdruck erzeugt vielschichtige Ängste, aber die Ursache liegt tiefer. Kann man sie erkennen und entschärfen? Stell dir folgende Szene vor: Du wartest gespannt auf das Ergebnis einer schwie-rigen und wichtigen Klausur, für die du viel „gebüffelt“ hast. Und dann kommt das Ergebnis: alle haben bestanden, nur du nicht! Jetzt fühlst du dich natürlich richtig mies. Du denkst: ich bin ein Versager, weil es alle anderen geschafft haben. Und dann kommt die lähmende Angst auf, es selbst vielleicht nie zu schaffen.

Oder: du hast genauso gebüffelt, die gleiche Klausur, auch nicht bestanden, aber alle anderen haben es ebenfalls nicht geschafft. Das Gefühl ist ein völlig anderes, obwohl dein Ergebnis exakt das gleiche ist. Es stellt sich ein deutlich angenehmeres Gefühl der „Solidarität unter Versagern“ ein. Du bist offensichtlich nicht der einzige Blöde und das tut gut! Doch bald wird dir klar, dass dein Problem mit diesem besseren Gefühl nicht wirklich gelöst ist. Wenn du die Klausur bestehen musst um weiterzukommen, brauchst du eine zweite Chance! Eine Klausur nicht zu bestehen, ist ja noch eine vergleichsweise harmlose Situation. Dagegen kann es dramatisch werden, wenn z. B. in sicherheitsrelevanten Lebensbereichen eine geforderte Leistung nicht erbracht wird. Das kann im schlimmsten Fall Menschenleben gefährden! Wer Verantwortung übernimmt, setzt sich immer einem Risiko aus. Es geht im Leben nicht ohne und daran reift man. Eine „gesunde Portion“ Angst vor der Herausforderung sorgt dabei für den nötigen Respekt gegenüber der Aufgabe. Die Angst ist also nicht grundsätzlich negativ, denn sie bewahrt dich bei realen Gefahren vor Selbst-überschätzung. Im Gegensatz dazu ist die geschilderte Prüfungssituation jedoch eher eine seelisch belastende Angst vor dem Verlust von Anerkennung durch andere, die dich auf dem Weg nach vorne zurückgelassen haben. Es ist die Angst vor der Bloßstellung der eigenen Unfähigkeit im Vergleich mit anderen. Speziell in einer „Hochleistungs-gesellschaft“ droht ein gewisser Grad an Isolation, wenn man in allgemein für wichtig gehaltenen Angelegenheiten verliert. Die Angst davor ist ein typisches Kennzeichen unseres manchmal erbarmungslos erscheinenden Lebens. Hier bekommst du im Gegensatz zu einer nicht bestandenen Klausur oft keine zweite Chance mehr!

Das endgültige Aus beim Studium, die endgültige Absage der Bewerbung, die endgültig gescheiterte Beziehung, die plötzliche körperliche Behinderung oder der Tod eines lieben Freundes nimmt und zerstört etwas unwiederbringlich. Die Spirale von Angst und Hoffnungslosigkeit, die sich bei solchen Erfahrungen einstellen kann, lässt sich nur durchbrechen, indem man der Sache auf den Grund geht.

Schritt_20111101_9196Was ist die wirkliche Ursache für die latente Angst davor, irgendwann auf der Strecke zu bleiben? Sie hängt damit zusammen, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist, dass es ein „zu spät“, dass es den Tod gibt. Im Hinblick auf den eigenen Tod läuft im Leben schlicht die Zeit ab, von der du nicht einmal weißt, wie sie bemessen ist. Diese Begrenzung und Unsicherheit setzt unter Druck. Du kannst einen nicht erbrachten Leistungsnachweis nicht beliebig oft wiederholen. Die Zeit, deine Ziele zu erreichen, ist definitiv begrenzt. Wenn du etwa an anderen schuldig wirst, ist das Zeitfenster zur Versöhnung nicht beliebig dehnbar. Hier heilt die Zeit keine Wunden, sie vertieft sie! Die Sache mit der unbereinigten Schuld ist also sehr grundlegend und ursächlich für viele Ängste! Wer ehrlich ist, wird sich eingestehen müssen, dass es in seinem Leben immer wieder solche „Leichen im Keller“ gibt. Du sammelst sie an wie Schwermetalle im Körpergewebe, manchmal ohne jede Chance auf Wiedergutmachung. Und dann ist da noch die Sache mit Gott. Wenn er der Schöpfer des Menschen ist, besitzt er auch die Legitimation, Regeln zu erstellen (z.B. die zehn Gebote der Bibel) und ethische Verantwortung einzufordern. Du kannst also auch Gott gegenüber schuldig werden. Vor allem, wenn du glaubst, ihn im Leben links liegen lassen zu können. Wie im Verhältnis zu Menschen ist auch hier Bereinigung der Situation angesagt, um Ängsten ihre Grundlage zu nehmen. Es wäre tragisch, wenn du bei dem ganzen Leistungsdruck und Streben nach Selbstbestimmung das ganz entscheidende Hilfsangebot Gottes zum Leben und damit die Lösung des grundsätzlichen Angst-Problems übersiehst. Es lohnt sich deshalb, die Beziehung zu Gott und zu Menschen regelmäßig zu prüfen und in Ord-nung zu bringen. Es kann sonst gut sein, dass dir mit der Zeit die innere Kraft ausgeht und die Angst, die du eine Zeit lang erfolgreich verdrängt hast, holt dich wieder ein.

Fritz Riemann schreibt in seinem „AngstKlassiker“: So ist es immer wieder eine Illusion zu meinen, dass der Fortschritt – der immer zugleich auch ein Rückschritt ist – uns unsere Ängste nehmen werde; manche gewiss, aber er wird neue Ängste zur Folge haben. Jeder Mensch hat seine persönliche, individuelle Form der Angst, die zu ihm und seinem Wesen gehört, wie er seine Form der Liebe hat und seinen eigenen Tod sterben muss (Fritz Riemann, Grundformen der Angst, S.21).

Es fällt schwer, in einer „Macher-Gesellschaft“ diese eigene Begrenztheit und Ängstlichkeit zuzugeben, wo man doch quasi während seiner gesamten Ausbildungszeit genau diese beiden Dinge immer mehr abzulegen scheint. Es fällt schwer, die zeitliche Begrenzung von Chancen, eigenen Kräften und die Endgültigkeit von Ereignissen hinzunehmen. Die berechtigte Angst vor dem möglichen Verlust wird schöngeredet, umgelenkt, in Aktionismus erstickt oder anderweitig verdrängt. Dabei wäre die ungeschminkte Auseinandersetzung mit dem Thema speziell unter einem christlichen Aspekt so wichtig!

Interessant ist Fritz Riemanns Vergleich der Angst mit dem Tod im Hinblick auf deren individuelle Wahrnehmung. Wenn er recht hat, wären wir letztlich mit unse-rer persönlichen Angst prinzipiell allein, wie wir es mit dem eigenen Tod sind. Es sei denn, es begleitet uns jemand, der uns bis ins Innerste kennt und sicher weiß, was nach dem Tod kommt. Es tut zwar gut, wenn uns jemand in Zeiten der Angst beisteht und tröstet, aber je größer und existentieller die Angst, desto schwerer will dieser menschliche Beistand gelingen. Denn der andere hat eben doch nicht genau diese von individuellen Faktoren abhängige Situation erlebt und er kann nicht jeden Weg mit gehen. Sind wir also mit der Subjektivität unserer Angst tatsächlich allein und wäre da erfolgreiche Verdrängung nicht doch das Beste?

Hier bietet Jesus Christus mit seiner einmaligen Botschaft eine neue, befreiende Perspektive! Denn die christliche Wertschätzung des Menschen ist nicht primär durch ein optimiertes Verhältnis zwischen Leistung und Versagen pro Zeiteinheit, sondern durch die Auffassung bestimmt, dass er ein von Gott geliebtes Geschöpf ist – allen Beschränkungen zum Trotz. Jesus sagt von sich: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost; ich habe die Welt überwunden“ (Die Bibel – Johannes 16, 33). Und dabei hat er sich bewusst den Ängstlichen, den Schwachen und Verlierern zu-gewandt. Es geht Jesus um eine neue Dimension der Befreiung, indem er mit der „Welt“ auch den Tod überwindet. Die Vergänglichkeit ist letzten Endes ursäch-lich für Zeit- und Leistungsdruck und vor allem Ursache von nahezu jeder Form von Angst. Jesu tatsächliche Auferstehung von den Toten in ein unvergängliches Dasein löst dieses Problem genauso grundsätzlich (vergleiche Paulus im 1. Korintherbrief, Ka-pitel 15)! Weil Jesus bewiesen hat, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, kann er dir die letzte Ursache deiner Ängste nehmen. Dabei darfst du dich ihm im besten Sinne kindlich anvertrauen. Das ist seine göttliche Mission! Im Auftrag Gottes schafft seine Liebe deine Versöhnung mit dem Schöpfer des Lebens und hebt jede trennende Schuld auf. Mit ihm hast du immer eine zweite Chance! Das gibt Lebensmut, Kraft zu lieben und inneren Frieden selbst in Krisenzeiten. Wenn du weißt, dass dich dieser Gott im Leben begleitet, wirst du dich von vielen eigenen Ängsten verabschieden und anderen besser zur Seite stehen können.

Winfried Borlinghaus