Fundamentalismus und christlicher Glaube

 

Der Begriff »Christ« wird heute nicht mehr eindeutig verstanden. Sind das regelmäßige  Kirchgänger, sozial engagierte Leute, verklemmte Moralisten, die mit dem Fisch auf dem Auto, anständige Leute mit guter Erziehung, Mutter Theresa, irländische Terroristen oder getaufte Babys? Der Begriff ist durch die Geschichte verwaschen und unscharf geworden. Wir müssen daher klären um wen es geht, wer überhaupt ein Christ genannt  werden kann und welcher Mensch dann zusätzlich ein Fundamentalist sein könnte.

Christ kommt von Christus, von Jesus Christus. Ein Christ im ursprünglichen Sinne ist ein Christus-Nachfolger; ein Mensch, der an Jesus Christus als seinen persönlichen Erlöser glaubt. Der Begriff „Christ“ ist daher nicht beliebig anwendbar, sondern muss auf diejenigen begrenzt werden, deren Leben und Handeln von Jesus Christus bestimmt ist. Wer Jesus Christus ist, erfährt man durch die biblische Überlieferung und diese bildet deshalb die unverzichtbare Glaubensgrundlage für den Christen. Diese Eingrenzung ist heute dringend nötig um ein Begriffschaos zu vermeiden. Sie ist auch nötig, um die tatsächliche, ursprüngliche Bedeutung wieder hervorzuheben, damit man weiß, mit wem man es bei einem Christen zu tun hat. Der Begriff Christ ist ein biblischer und wurde nicht erst im 20. Jhd. erfunden. Deshalb muss der Begriff Christ auch im 21 Jhd. durch die Bibel definiert werden. In Apg. 11,20-26. werden „die ersten Christen“ beschrieben und wie sie zu dieser Bezeichnung kamen: Die gute Botschaft von Jesus Christus wird den Leuten in Antiochia verkündigt (gepredigt). Diese Verkündigung gilt als Gottes Wort (Apg. 11,19). Die Hand des Herrn war mit den Verkündigern, d.h. sie waren vom Geist Gottes geleitet und gesegnet. Ergebnis: Eine große Anzahl Menschen wurde gläubig und bekehrte sich zum Herrn – also zu Christus! Es fand ein Umdenken statt – Einsicht und Sinneswandel aufgrund der Predigt des Evangeliums! Genau diese  bekehrten Leute werden dann als Jünger Jesu bezeichnet und als erste Jesus-Nachfolger überhaupt Christen genannt! Tatsächliche Christen sind bis heute bekehrte, gläubige Jesus-Nachfolger – und zwar folgen sie bis heute demselben auferstandenen Jesus Christus wie damals. Jesus kann nicht einfach der jeweiligen Zeit angepasst oder neu „definiert“ werden, wie es manchmal geschieht, sondern er ist bis heute als reale göttliche Person derselbe wie damals in den heiligen Schriften der Bibel bezeugt!

Der Begriff »Fundamentalismus« und seine Geschichte

Der Begriff Fundamentalismus ist erst ca. 100 Jahre im Umlauf und zeigt einen stetigen Wandel vom Positiven zum Negativen! Er hat inzwischen einen grundsätzlich üblen Beigeschmack und wird mit Intoleranz, Manipulation, Militanz, sturem Dogmatismus, Zwanghaftigkeit, Gehirnwäsche, Fremdbestimmung, u.ä. in Verbindung gebracht.

1910-1920:
Eine Bewegung unter christlichen Theologen in den USA gibt eine Zeitschrift mit dem Titel “fundamentals” heraus. Man wollte mit dieser Schriftenreihe “fundamentale” christliche Überzeugungen gegenüber einer zunehmenden Liberalisierung verteidigen. Die 64 Autoren waren nicht irgendwelche obskure Konservative, sondern durchaus renommierte Theologen und Professoren. Die Bewegung hatte ihre Wurzeln u. a. in der 2. großen Erweckungsbewegung (USA, Europa) im 19. Jhd., die von einem uneingeschränkten Vertrauen in die Bibel geprägt war.

1919:
In den USA wird die Worlds Christians Fundamentals Association gegründet. Das Ziel war, die überwiegend liberale Haltung der Kirchen zu stoppen und zu den Wurzeln christlichen Glaubens zurückzukehren.

1920:
Der Begriff Fundamentalismus ist zum ersten Mal in einem theologischen Aufsatz belegt. Er wurde nur innerhalb des christlichen Bereichs angewendet und zwar als positiv verstandene Selbstbezeichnung.

1925:
Im so genannten “Affenprozess” im östlichen US-Staat Tennessee musste sich der Naturkunde-Lehrer John T. Scopes, der den Prozess bewusst provoziert hatte, wegen seiner Auffassung, der Mensch stamme vom Affen ab, bzw. der Mensch sei ein weiterentwickeltes Tier (Evolutionstheorie) vor Gericht verantworten. Das Gesetz des Staates Tennessee erlaubte die Lehre der Evolutionstheorie nicht; sie war seit kurzem als unreligiöse Unterweisung verboten worden (Spektrum der Weltgeschichte 1900-1925, S.167). Der Prozess entwickelte sich zum Medienspektakel in der gesamten westlichen Welt (Radio u. Zeitung). Scopes wurde zunächst ververurteilt, dann wurde jedoch in zweiter Instanz der Prozess gegen ihn eingestellt. Damit hatte die Bewegung des christlichen Fundamentalismus stark an Ansehen verloren! Spätestens seit diesem Vorfall bekam der Begriff »Fundamentalismus« den negativen Beigeschmack unfreien und altmodischen Denkens, das den Fortschritt bremste. Fundamentalismus wurde zum negativ verstandenen Schlagwort der Gegner fundamentalen christlichen Glaubens, obwohl sachliche Kritik an der Evolutionstheorie durchaus angebracht war und bis heute zulässig sein muss. Bedenklich wird es jedoch immer dann, wenn die ein oder andere Sichtweise politisch verordnet werden soll. Dies ist der grundlegende Fehler mancher christlicher sowie atheistischer Fundamentalisten damals und heute.

1950-1978:
Der Begriff bleibt nahezu ausschließlich ein Thema der Kirchen- und Theologiegeschichte. Von liberal-kirchlicher Seite aus wird der evangelikalen und missionarischen Bewegung der 50er und 60er Jahre gelegentlich Fundamentalismus vorgeworfen. Auch der bekannte US-Evangelist Billy Graham gerät ins Kreuzfeuer dieser Kritik.

ab 1979:
Seit der Machtübernahme Khomeinis (Schiit) im Februar 1979 im Iran taucht der Begriff Fundamentalismus immer häufiger in den Medien auf. Er wird nun nicht mehr vorrangig auf Christen bezogen. Wurde der politische Fundamentalismus der GRÜNEN-Partei noch relativ positiv bewertet, so erfährt der Begriff durch die zunehmenden radikalen Aktivitäten islamischer Fundamentalisten eine endgültige Wende zum Negativen. Der Begriff wird nach und nach zum Modewort und wird vor allem als Schlagwort gegen Anhänger schriftgebundener Religionen verwendet. Wer die Entwicklungsgeschichte des Begriffes nicht kennt, begegnet dem „Fundamentalismus“ in der Regel im Zusammenhang mit Gewaltbereitschaft z.B. des radikalen und militanten Islam. Erst in den späten 80er Jahren werden überzeugte Christen in den Medien zunehmend mit diesem Begriff in Verbindung gebracht. Somit sind dann auch die Assoziationen gegenüber Christen, die als fundamentalistisch “geoutet” werden, besonders negativ. Denn ein Fundamentalist, auch ein christlicher, ist scheinbar grundsätzlich gefährlich, wie ein Anhänger Khomeinis: eine Bedrohung für den Staat, militant, aggressiv, starrsinnig, weltfremd, unselbstständig, intolerant, die Menschenrechte verachtend, frauenfeindlich, fanatisch-religiös, usw.

1995:
Es wird alles wahllos in einen Meinungstopf geworfen und nicht mehr differenziert zwischen Moslems, Hindus und Christen, geschweige denn, dass Unterschiede verschiedener christlicher Gruppierungen beachtet würden. Alle Gegner des Synkretismus und einer beliebigen Toleranz erregen inzwischen Verdacht, fundamentalistisch zu sein. Und solche meint man ohne Unterschied im Namen einer toleranten Gesellschaft ausmerzen zu müssen: Katholiken, Charismatiker, islamische Terroristen, Evangelikale, Abtreibungsgegner, orthodoxe Juden, Menschen mit moralischen Bedenken gegen sexuelle Freizügigkeit, Christen, die wegen blasphemischer Theateraufführungen und Werbetexte protestieren, usw.

2001:
Durch die Terroranschläge auf das World Trade Center ist eine weitere Verschärfung bzgl. des Begriffs eingetreten, da nun eine persönliche Bedrohung durch Fundamentalisten empfunden wird. Der Begriff löst Angst und Entsetzen aus, denn Fundamentalisten sind bereit, sich selbst und andere aus Überzeugung zu töten und unverhofft irgendwo auf der Welt zuzuschlagen. Weitere furchtbare islamistische Attentate z.B. auf Bali, in Spanien und Indien lassen diese Furcht als berechtigt erscheinen. Was vor wenigen Jahren noch der Begriff „Neonazi“ bei Deutschen an Empfindungen hervorgerufen hat, bewirkt heute in ähnlicher Weise der Begriff „Fundamentalist“.

Die empfundene Bedrohung für unsere demokratische und freizügige Gesellschaft durch „Fundamentalisten“ gleich welcher Couleur sowie die Entschlossenheit, den neuen „Feind” zu bekämpfen, wird durch folgende Schlagworte zum Thema »christlicher Fundamentalismus « deutlich: „‘Aufstand gegen die Moderne‘; ‚verdrängte Freiheit‘; ‚Flucht ins Radikale‘; radikale ‚patriarchalische Protestbewegung‘; ‚pervertierte Utopie‘; religiöse Gegenbewegung gegen eine ‚verweltlichte Kultur‘; die ‚religiöse Rechte‘; politische Heilsstrategie, die die ‚letzte Schlacht um Gottes Reich‘ ausfechten will; Ausdruck der ‚Angst vor der Zukunft‘; der militante Ruf nach der ‚Rache Gottes‘; gewaltbereite Gruppen…“

Solche polemische Beschreibungen zeugen von einem regelrechten Hass gegen alle, die vermeintliche Fundamentalisten sind, oder bei denen man fundamentalistische Züge zu entdecken glaubt. Die aufgeklärte westliche Welt hat sich – fast unbemerkt und maßgeblich durch die Medien unterstützt – ein neues Feinbild geschaffen: den Fundamentalisten! Dieses neue Feindbild ist bereits tief im kollektiven Unterbewusstsein verwurzelt. Man kann sagen, dass der Begriff seit 2001 unmittelbar rufschädigend wirkt. Tragischerweise werden inzwischen selbst innerhalb der Kirchen, konservative Christen nicht selten des Fundamentalismus bezichtigt nur weil sie die Bibel und die eigenen Bekenntnisse ernst nehmen.

2002
Der Osnabrücker Sozialwissenschaftler Manfred Spieker spricht zurecht von einem inzwischen „fundamentalistischen Antifundamentalismus“.

Der evangelische Kirchenhistoriker Gerhard Besier (Uni Heidelberg) bemerkt zur öffentlichen Kritik an einer evangelistischen Aktion: „Die Skandalisierung der Vorgänge, der beißende Spott, die unerbittliche Häme, mit der auf die Evangelisation eingedroschen wird, verweist auf die äußerste Entschlossenheit der selbst ernannten „Aufklärer“, dem evangelistischen Treiben ein Ende zu setzen. … jetzt soll der Druck auf die „Ewiggestrigen“ verschärft, sollen sie endgültig aus dem akzeptierten Spektrum christlicher Religiosität vertrieben werden. Dazu instrumentalisiert man die Terroranschläge islamistischer Fanatiker vom 11. September vorigen Jahres.“

In einem ARD-Report-Interview mit Rob Boston wird gar der Vergleich ausgesprochen: „Die De Moss-Stiftung ist im Großen und Ganzen eine christlich-fundamentalistische Ausgabe der Taliban für Amerika“.

Erklärung zur derzeit zugespitzten Situation in Sachen christliche Fundamentalisten

Kernpunkt der Kritik gegenüber dem christlichen Fundamentalismus war immer die Einstellung gegenüber der Bibel. Es wurde und wird angekreidet, an die Irrtumslosigkeit (und an die Verbalinspiration) der Bibel zu glauben und ihr damit entsprechend dem reformatorischen Grundsatz sola scriptura (= allein die Schrift) übermäßige Bedeutung und Autorität beizumessen.

In den 60er Jahren erkennt der kritische Rationalist Hans Albert den Fundamentalismus (nicht nur auf Christen bezogen) als Gegner seiner eigenen philosophischen Position: „‘Fundamentalismus ist bei ihm die Illusion, dass man der Wahrheit über die Wirklichkeit gewiss sein könne‘“. Für ihn bleibt die Suche nach Wahrheit ohne Abschluss. Und auch die biblische Antwort auf diese Frage würde er als menschliche Vorstellung oder Illusion und keinesfalls als göttliche Offenbarung verstehen.

Inzwischen denkt die große Mehrzahl „aufgeklärt-liberaler“ Theologen ähnlich. Moderne Theologie orientiert sich überwiegend an nichtchristlicher Philosophie. Sie hat sich ihrem gesellschaftlichen Umfeld weitgehend angepasst und fällt deshalb weder auf noch ins Gewicht, was die Meinungsbildung der Allgemeinheit betrifft. Von daher ist auch das Verhältnis moderner Theologie zum christlichen Fundamentalismus von vornherein klar: Feindschaft! Von liberal-theologischer Warte aus können deshalb nur negative, undifferenzierte Statements zum „christlichen Fundamentalismus“ erwartet werden!

Denn der Glaube an einen bestimmten Gott und eine maßgebliche und absolute Wahrheit, das Festhalten an der Unveränderbarkeit christlicher Werte ist kaum mehr gefragt! Die Bibel ist verhasst wie selten zuvor, weil sie mit ihrer Botschaft die Autonomie und die selbstgeschaffenen ethischen Werte des modernen Menschen massiv in Frage stellt! Der Begriff des Fundamentalismus ist inzwischen ausreichend negativ besetzt, um ihn als Schimpfwort gezielt gegen Christen mit einer klaren Position einsetzen zu können. Dazu übersieht man bei allen Einheitsbestrebungen zwischen den Religionen die fundamentale Bedeutung der Bibel und der durch sie (noch) geprägten Ethik für unsere Gesetzgebung. Ebenfalls übersieht man bewusst oder fahrlässig die Unterschiede zwischen den Botschaften der verschiedenen Religionen und Weltanschauungen. Mohammed, Buddha, Darwin, Ron Hubbard, der Dalai Lama u. a. unterscheiden sich durchaus deutlich voneinander und natürlich auch von Jesus Christus und seinem Evangelium. Anhänger verschiedener Religionen haben eben nicht den gleichen Gott und dieselbe Glaubensgrundlage, wie immer wieder suggeriert wird! Entsprechend ist auch die Ethik eine andere. Das Beispiel eines atheistisch geprägten Fundaments soll das verdeutlichen: Thomas Nagel meint beispielsweise zum Lebenssinn ohne christliche Perspektive: „Wie könnte der eigentliche Wert des menschlichen Lebens darin liegen, Übel zu beseitigen? […] Wenn niemandes Leben immer schon an sich selbst einen Sinn haben kann, wie kann es dann infolge einer Beschäftigungmit dem sinnlosen Leben anderer einen Sinn erhalten?“

Dabei ist es doch selbstverständlich, dass wenn man von Fundamentalismus spricht, auch das zugehörige Fundament beachtet und untersucht werden muss. Der Begriff des Fundamentalismus wird inzwischen jedoch so pauschal verwendet, dass er als Beschreibung einer bestimmten Gruppe von Menschen unbrauchbar geworden ist. Wirklich mitreden kann deshalb nur, wer sich die Mühe macht, das Fundament kennen zu lernen, auf dem der so genannte „Fundamentalist“ steht.

Die Notwendigkeit eines Fundaments – oder alle sind Fundamentalisten!

Fundament (lat. fundare) bedeutet Grundlage, Unterbau; fundamental wird im Sinne von grundlegend oder bedeutsam verstanden (Duden-Herkunftswörterbuch). Das Fundament ist abhängig von seiner Qualität also etwas Positives. Es spricht für Stabilität und Standfestigkeit. Geistig übertragen steht es für Sicherheit (z. B. fundiertes Wissen), Gelassenheit, Krisenfestigkeit, Orientierungsvermögen, psychische Stabilität, Beständigkeit, Treue…

Kein Bauwerk ohne Fundament – kein menschliches Leben ohne geistiges Fundament. Wer völlig ohne ein solches Fundament lebt, ist orientierungslos, planlos, zu keiner zielgerichteten Handlung fähig, er ist zu keiner vernünftigen Kommunikation fähig, da er nicht sagen kann was er glaubt, weil er eben alles und nichts glaubt. Ein geistig gesunder Mensch kann so nicht leben! Der Mensch braucht also in jedem Fall ein gutes Fundament als Plattform für seine Handlungen und geistigen Aktivitäten. Die Frage ist nicht ob ein Fundament vorhanden ist, sondern welches Fundament vorhanden ist. Dieses Fundament istimmer eine Weltanschauung oder eine Religion. Der überzeugte Christ hat z. B. die Weltanschauung seines Gottes übernommen. Einem Christen geht es darum, wie Gott als Schöpfer und Erhalter die Welt sieht und beurteilt, welchen Wert er dem Menschen gibt und welche Verantwortung er ihm übertragen hat. Die Basis für bestimmte Auffassungen, wird häufig zwar bewusst gewählt, aber nicht bis ins Letzte verstanden. Es gelingt nie der Nachweis ihrer Neutralität. Diese Basis lässt sich daher immer auch als Glaube bezeichnen. Man vertraut dieser Basis als einer zuverlässigen und brauchbaren Lebensgrundlage, vor allem, wenn sie sich zunehmend mit den entsprechenden Lebenserfahrungen deckt. Jeder bezieht dieses Fundament, diese Lebensgrundlage von außerhalb seiner selbst. Der Mensch ist bezüglich seiner Lebensgrundlage also niemals absolut frei, neutral oder objektiv. Absolute Autonomie im Denken und Handeln ist daher eine Illusion! Der Mensch kann sich nicht dem Einfluss anderer Menschen oder dem Einfluss seiner Umwelt entziehen.

Die Folge:
a) Aus der Vielzahl der Einflüsse bildet er sich schließlich sein eigenes Lebensfundament
b) oder er baut auf ein vorgegebenes Fundament, dem er nach gründlicher Prüfung und aufgrund von Erfahrung zustimmt und vertraut.

Wie sein Fundament auch zustande gekommen ist, es ist niemals wertneutral! Der Mensch wird, ausgehend von seinem geistigen Fundament bestimmte Wertzuweisungen (gut, böse, tolerierbar, nicht tolerierbar) vornehmen. Auch im Falle der jüngsten Amok-Taten hat entweder eine pervertierte Vorstellung von Moral und Gerechtigkeit als Fundament gedient oder es war aus diversen Gründen jedes Fundament abhanden gekommen. Sicher sind solche Taten keine Handlungen im Affekt! Gegenüber den Tätern wird der Ruf nach Toleranz dann auch sehr leise und es ist klar, dass es keine Toleranz ohne festen Standpunkt geben kann, von dem aus toleriert oder nicht toleriert wird. Insofern ist jeder geistig gesunde Mensch in gewisser Weise ein „Fundamentalist“. Er müsste sonst z. B. auch Terroristen deren Taten als legitime Handlungsweisen zugestehen. Hier merkt auch der „toleranteste“ Mensch, dass er in gewissen Fällen intolerant und damit streng genommen fundamentalistisch eingestellt sein muss, denn er hat eine bestimmte Auffassung von Recht und Unrecht, die er nicht bereit ist preiszugeben. Er ist dann sogar bereit, diese Auffassung mit Hilfe von staatlicher Gewalt einzufordern.

Beispielhaft für ein falsches Toleranzverständnis ist die Tatsache, dass Kritik an gängigen naturwissenschaftlichen Modellen wie z. B. der Evolutionstheorie, bereits als negativer, rückständiger Fundamentalismus ausgelegt wird. An diesem Beispiel lässt sich sehr schön nachweisen, dass sich hier nicht Fundamentalismus und aufgeklärte Toleranz begegnen, sondern etwa christlicher Glaube und atheistisches Wissenschaftsverständnis. Beide Positionen unterscheiden sich zwar radikal die jeweilige geistige Grundlage betreffend, dennoch können beide zu fruchtbaren wissenschaftlichen Ergebnissen führen. Sofern beide Seiten die andere Position nicht mit Gewalt verhindern wollen, verhalten sie sich im positiven Sinne fundamentbezogen, aber nicht negativ fundamentalistisch.

Die Bedeutung der Bibel für das Fundament des Christen

Gottes Anliegen und damit das Werk Jesu Christi sind in der Bibel endgültig festgeschrieben und beurkundet (Jud. 3).

Die Bibel (Altes und Neues Testament), Wort Gottes, Geist Gottes und Jesus Christus bilden eine unauflösliche Einheit. Dieses Verständnis ist unverzichtbar für den christlichen Glauben. Deshalb kann ein christliches Fundament nicht ohne die Autorität des biblischen Wortes auskommen. Die Bibel beschreibt den Christus, nachdem sich Christen benennen, umfassendund authentisch. Sie ist die Offenbarungsquelle! Sie ist der „Brief Gottes“ an die Menschen. Christen können deshalb bis heute nur ernst genommen werden, wenn sie ihrerseits die Bibel als Grundlage ernst nehmen und darauf bauen. „Christsein“ das ohne biblisches Fundament auskommen will, muss scheitern.

Die Bibel als Fundament des christlichen Glaubens:

Für die Entstehung der heiligen Schriften und deren Zusammenstellung ist nicht menschlicher Wille sondern göttlicher Wille ursächlich! (2. Petr. 1,20f; 2. Mose 34,27f) Alle Schrift (= Bibel) ist von Gott eingegeben (»theopneustos« = gottgehaucht) und will die Menschen darüber aufklären, dass sie sich Gott gegenüber im Unrecht befinden und wie dieser Zustand korrigiert werden kann. (2.Tim. 3,15f). Diese Botschaft zielt auf den vertrauensvollen Glauben der Menschen ab (Apg. 10,43; Röm. 10,17).

Welche Bedeutung die Bibel für Christen haben muss, zeigen Beispiele des „fundamentalistischen“ Bibelverständnisses Jesu und der Apostel:

  • Kleinste Details der Heiligen Schrift werden von Jesus und den Aposteln für unverzichtbar erklärt (Mt. 5,17-19; Gal. 3,16).
  • Paulus war sich bewusst, dass er Gottes Wort schrieb, predigte und sprach (1.Thess. 2,13).
  • Verfälschung der Heiligen Schrift hat Konsequenzen für das Heil des Menschen (Offb. 22,18f).
  • Petrus stellt die Briefe des Paulus den »Schriften« gleich.»Schriften« war terminus technicus für heilige Schriften und identisch mit Gottes Wort! (2. Petr. 3,16)
  • Ein neutestamentliches Zitat wird genauso »Schrift« genannt wie ein alttestamentliches! (1. Tim. 5,18). Demnach war auchdas Jesus-Wort aus Lk. 10,7 bereits zu Paulus Zeiten Schrift, also schriftlich festgehalten; ein Hinweis auf die frühe und authentische Entstehung der Evangelien!

Jeder Christ ist im positiven Sinne „Fundamentalist“ – d.h. er hat ein Fundament

Der bewusste Christ hat sich festgelegt. Er hat sein Leben auf die befreiende Botschaft der Bibel gegründet. Damit hat er geistlich gesehen festen Boden unter den Füßen.

In diesem Sinne äußert sich auch Paulus zur Grundlage eines Christen: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (1. Kor. 3,11) Die Gestaltung seines Lebens ist natürlich abhängig von diesem Fundament. Jesus sagt: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der
sein Haus auf Fels baute.“ (Mt. 7,24) Jesus selbst nennt also diejenigen „klug“, die ihr Leben auf ihn gründen, die ihn als Fundament wählen. Das ist ein absolut positiv verstandenes Fundament! Durch die freiwillige Annahme dieses Fundaments ist gewährleistet, dass hier kein negativer Fundamentalismus vorliegt.

Das positive christliche Fundament: Jesus Christus

Was macht dieses Fundament zur sicheren Lebensgrundlage?

1. Gott wurde Mensch

Jesus ist der menschgewordene Gott, der durch sein Leben und Sterben die Liebe und das Interesse Gottes am Heil der Menschen bezeugt (Röm. 5,8; 1. Tim. 2,4; Joh. 1,1-3.14). In Jesu Wort und Tat wird unmissverständlich deutlich, dass die Initiative zur Rettung der Menschen von Gott ausgeht. Er wirbt um den Glauben des Menschen (Apg. 17,27f.31) und wartet auf Antwort!

2. Der Mensch braucht als Sünder Hilfe – er braucht das passende Fundament für sein Leben

Der Mensch ist nach biblischer Aussage vom Wesen her nicht gut. Er ist Sünder und kann als solcher nicht vor dem absolut gerechten Gott bestehen! Er empfindet diese Not nicht gut sein zu können in seinem Gewissen. Er empfindet die Orientierungs- und Haltlosigkeit seiner Existenz ohne Verbindung zu Gott! Ursache ist, dass er seit dem Sündenfall grundsätzlich getrennt von Gott lebt. Diese Trennung kann er nicht aus eigener Kraft aufheben.

3. Der Mensch ist trotz trennender Sünde ein von Gott geliebtes und wertgeachtetes Wesen

…denn er ist sein Geschöpf und „zum Bilde Gottes“ geschaffen. Damit hat jeder Mensch unabhängig von Rasse, Geschlecht, Alter, Gesundheitszustand oder Leistungsfähigkeit seinen unveräußerlichen Wert! Gott hasst zwar die Sünde, aber er liebt den Sünder!

4. Der Mensch muss sich sein Heil nicht selbst erarbeiten – denn er kann es gar nicht!

Gott will und kann die Trennung des Menschen von ihm nur selbst aufheben. Die Aufhebung dieser Trennung ist das Heil! Der Mensch bekommt es durch den Glauben an Jesus geschenkt (Joh. 3,16 u.a.)! Er muss sich nicht durch religiöse Anstrengungen empor arbeiten, sondern er darf Gottes Schüler sein und Barmherzigkeit und Vergebung erfahren. Durch Christus lernt der Mensch Gott zu lieben, ihm zuzuhören, ihm zu vertrauen, ihn zu erkennen!

5. Jesus schlägt die Brücke und versöhnt mit Gott

Jesus bezahlt für die Schuld derjenigen, die sein Opfer am Kreuz als Lösegeld zur Tilgung der eigenen Schuld gläubig und dankbar in Anspruch nehmen (Mt. 10,45). Dieser Opfertod seines Sohnes am Kreuz, ist der größtmögliche Liebeserweis Gottes an die Menschen (2. Kor. 5,18-21).

6. Jesus erneuert das Leben des Menschen schon hier und jetzt

Jesus, der Auferstandene, vergibt die Schuld, befreit von seelischen Lasten, er gibt seinen Heiligen Geist und stärkt und begabt seine Nachfolger für entsprechende Aufgaben; er macht ihr Leben neu und gibt einen tiefen Sinn! Zunehmende Erkenntnis, Freiheit, Glaube, Hoffnung und göttliche Liebe prägen dieses neue Leben (1. Kor. 13,12f; Joh. 1,16; 7,38f; 8,31f; 15,16; Gal. 5,1.13.22ff).

Die praktischen Konsequenzen des Fundaments »Jesus Christus« für das Leben des Christen

  • Persönliche Beziehung zu Gott (Kind-Vater-Verhältnis)
  • Gemeinde = Gemeinschaft innerhalb der Familie der Gläubigen unabhängig von Rasse, Nationalität, Geschlecht, Alter, Stand usw.
  • Sicherheit, Geborgenheit
  • „Heilsgewissheit“, das Wissen um die sichere Rettung vor dem Gericht Gottes durch die Tat Jesu Christi
  • Hoffnung auf ewiges Leben nach dem Tod in unmittelbarer Gottesgemeinschaft
  • Verankerung des Lebens außerhalb seiner selbst und damit Freiheit von Selbstverwirklichungs-Stress und Ich-Sucht!
  • Liebe für andere, sogar Feinde
  • Motivation für gute Taten, ohne den Druck, dadurch Gott gnädig stimmen zu müssen oder sich den Himmel verdienen zu müssen.
  • Fähigkeit, zur eigenen Schwäche stehen zu können ohne Minderwertigkeitskomplexe zu bekommen
  • Lebensbejahende Grundhaltung, Freude am Leben ohne dabei die Schattenseiten beschönigenzu müssen

Winfried Borlinghaus

Literatur:

Schnabel, Eckhard. Sind Evangelikale Fundamentalisten?. Wuppertal: Brockhaus, 1995.

Holthaus, Stephan. (Vortrags-Aufzeichnung) Fundamentalismus. DCTB-TEAM-Tagung, Knüll 18.03.1995.