Besser mit der Säge bohren

Holzwespen, wie die abgebildete Holzschlupfwespe Rhyssa persuasoria, sind mit einem mehrteiligen, hochkomplexen Bohrersystem ausgestattet. Im Wesentlichen arbeitet es mit drei gegenläufigen Sägeblättern. Der „Wespen-Holz-Sägebohrer“ liegt gut geschützt in einer Scheide, aus der er bei Bedarf herausgeklappt werden kann, wie im Bild gut zu erkennen. Die Wespe lokalisiert nun mit ihrem ebenso erstaunlichen 3D-Fühler-Sensorsystem z.B. eine Käfer- oder andere Wespenlarve im Holz und setzt den Bohrer exakt an der richtigen Position an. Die Wespe muss nur einen sehr geringen Anpressdruck aufbringen, da der Bohrvorgang stichsägenartig im Pendel-Hub-Verfahren von statten geht und dabei mindestens ein Sägeblatt als Widerhaken im Bohrloch dient, während sich die jeweils anderen, mittels einer Führungsschiene stabilisiert, im Wechselspiel auf und ab bewegen. Um den zu Beginn der Bohrung nötigen höheren Anpressdruck auf die Bohrerspitze bringen zu können, wird der Sägebohrer in die statisch optimale Position unter dem Hinterleib gebracht. Diese Bohrerposition unter Nutzung des Eigengewichtes erinnert stark an ein im Tiefbau eingesetztes Großdrehbohrgerät (wie z.B. die mächtige BG 24H mit gut 82 t Gewicht; kleine Abbildung). Die Holzwespe bohrt in wenigen Minuten mehrere Zentimeter tief bis zum Fraßgang der Larve und legt ein Ei durch den Bohrer ab. Dieser dient gleichzeitig als Legestachel für ein Ei, um das Opfer zu parasitieren. Im Gegensatz zum relativ simplen Dreh-Bohrverfahren der Baumaschine arbeitet sich der Bohrer der Wespe mit seinen gegenläufigen Sägeblättern sehr elegant in das harte Material. Der „Aushub“ wird beim jeweiligen Rückzug des entsprechenden Sägeblattes gleich mit nach oben gefördert. Diese Holzwespen-Bohr-Säge-Technik diente in jüngster Zeit dem Fraunhofer-Institut in Stuttgart als Vorlage für die Entwicklung eines bionischen Bohrers.  Wegen seiner speziellen Technik ist er in der Lage, bei sehr geringem Anpressdruck, in einem einzigen Bohrvorgang, vieleckige Löcher zu bohren. Dies könnte, z.B. für die Anwendung in der Medizintechnik, als echter – zugegebenerweise vom Schöpfer der Wespe abgeschauter – Innovationssprung gewertet werden. Denn in einem einzigen Vorgang sind viel- oder rechteckige Bohrungen möglich, die entsprechend gewebeschonende hochstabile Verankerungen gewährleisten. So wird jedes anschließende Verdrehen des Ankers im Knochen effizient verhindert.

Fotos u. Text: W. Borlinghaus, Korntal