Arbeitstier (Januar 2016)

Die kurze Ruhephase zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel tat gut! Nur leider war sie für so manche von euch das Gegenteil von Ruhe und Besinnlichkeit, weil man schließlich für Klausuren lernen oder eine wissenschaftliche Arbeit fertigstellen musste. Vor allem wenn die wichtigen Ruhe- und Denkpausen fehlen, wird man nicht selten feststellen, dass viel Arbeit nicht automatisch sinnvolle Arbeit ist. Diese beiden Blattschneider-Ameisen in der Wilhelma in Stuttgart sind ganz besessen von ihrer Arbeit, so dass die eine gar nicht bemerkt, dass das Blattstück, das sie transportieren möchte, längst von einer Kollegin getragen wird.

So hat die eine noch mehr zu schleppen, während sich die andere wahrscheinlich für sehr nützlich hält. Wenn es in der Bibel (Sprüche 6,6) heißt „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr!“, dann ist sicher kein ineffektiver Wahn, wie in diesem Fall, gemeint. Er kann im Eifer bei den Ameisen schon einmal vorkommen. Und bei uns? Insgesamt betrachtet gelten Ameisen als fürsorglich und uneigennützig, weil sie fleißig für das Wohl aller sorgen. Im Fall der Blattschneiderameisen, die in Südamerika aktiv sind, bedeutet das, die Arbeit sinnvoll aufzuteilen und gut zusammenzuarbeiten. Blätter werden in transportable Teile zerlegt und in den unterirdischen Bau geschleppt. Dort werden auf den Blattstückchen Pilze kultiviert, die wiederum als Nahrung für das ganze Volk dienen. Dazu kommen viele weitere Tätigkeiten wie Brutpflege, Verteidigung gegen Feinde und Nestbau. Alles wird auf verschiedene Individuen aufgeteilt und i.d.R. bestens zusammengearbeitet. Was man also neben dem individuellen Fleiß von den Ameisen vor allem lernen kann, ist die gute Zusammenarbeit. Wie oft haben wir es schon erlebt, dass wir mit ein und demselben Projekt beschäftigt sind, ohne voneinander zu wissen? Wie oft verschleißt man Kräfte in unsinniger Konkurrenz? Wie gut wäre es gewesen, sich rechtzeitig über den jeweiligen Stand der Arbeiten und das weitere gemeinsame Vorgehen abzusprechen, statt verbissen vor sich hin zu schuften? Im Beruf ist Übersicht genauso wichtig wie im Studium. Wir sollen nicht verbissene Einzelkämpfer werden und mit falschem Eifer andere unnötig belasten, sondern wie es Paulus richtig feststellt (Phil 2,4), immer auch auf das sehen, was dem anderen dient. Im Falle einer wissenschaftlichen Team-Arbeit kann das vielleicht bedeuten, beständig im Blick zu behalten, was dem Ganzen dient, statt sich blind am eigenen Unterthema festzubeißen. Wer das Problem der weniger cleveren Ameise auf dem Bild sieht, dem wird es leichter fallen, das loszulassen, was andere bereits angepackt haben. Oder er wird lernen, dort mitzuhelfen, wo es wirklich weiterhilft. Bloß irgendwie fleißig zu wirken, macht jedenfalls keinen Sinn. Es führt dazu, dass andere mehr als nötig schleppen müssen.

Foto und Text: W. Borlinghaus, Korntal